BAD AIBLING

(Heimatort von Ingeborg Brigitte Gastel

von Erika Lechner und Karin Fries, geschrieben in 1980 
 
 

Rund 50 Kilometer suedoestlich von Muenchen liegt im weiten Tal der Mangfall Bad Aibling. *Ein Staedtchen von Fluessen umgeben* wurde es oft genannt. Uebernommen nach lateinischen Versen, die der Gruender des Moorbades Aibling, der koeniglich-bayerische Landgerichtsarzt Dr. Desiderius Beck, 1845 in einer Inschrift an seinem gerade errichteten Wohn- und Badehaus anbringen liess: *Est mihi fontanis circumdata villula rivis ...* heisst es da. Frei uebersetzt: *Mir ist ein Landhaus zu eigen, rings vom Quellfluss umgeben *. Der *Quellfluss* ist die nahe des Staedtchens Glonn entspringende Glonn, die sich von Norden her durch die Beyhartinger und Maxlrainer Filze windet und Stadt und Kurpark Bad Aibling durchfliesst. Die Glonn, vom alten Thuerham an vom Muehlbach begleitet, muendet im Sueden der Stadt in die Mangfall. Des Muehlbachs wegen mit seinen Bruecken, Stegen und alten Haeusern an seinem Lauf bekam ein malerischer Winkel in der Ortsmitte den schmueckenden Beinamen *Klein Venedig*, der auf zahllosen Ansichtskarten *mit herzlichen Gruessen von einem angenehmen Kuraufenthalt* in die weite Welt getragen wurde. Also *von Fluessen umgeben* stimmt fuer Aibling. Freilich griffen die Menschen immer wieder in den Lauf der Fluesse sein. Sie baendigten die oft ungebaerdige Mangfall, die *Manichfaltige*, durch Traversen, regulierten 1958 die Glonn, die nach sommerlichen Regenperioden immer wieder weite Teile der Stadt ueberflutet hatte. Den Muehlbach und den Triftbach, eine Seitenkanal der Mangfall, hatten sich die Aiblinger schon lange nutzbar gemacht. Ein Geruecht, dem Muehlbach, der nicht mehr nuetzlich ist, ueberhaupt den Garaus zu machen, taucht dann und wann zum Schrecken aller Umweltschuetzer auf. Der grossen Dominante der weiten Wald-, Moor- und Wiesenlandschaft, in der sich das von Fluessen umgebene Staedtchen ausgebreitet hat, der Alpenkette im Sueden, konnten die Menschen nichts anhaben. Aber auf den Wendelstein, den Aiblinger Hausberg, setzten sie nicht nur ein Hotel, sondern auch ein Sonnenobservatorium und einen Rundfunksender. Der vielbesungene Wendelstein praesentiert sich den Aiblingern mit seinem dicken runden Kopf und den oestlichen Vorbergen als *schlafende Jungfrau*. 

Aber was war, als es noch ueberhaupt kein Staedtchen, ja nicht einmal Menschen, sondern nur eine leere, wilde Landschaft am Rande des *Rosenheimer Beckens* gab? Da kam um das Jahr 30 000 vor Christ, oder auch noch eine kleine Ewigkeit frueher, in der Naehe des heutigen Sanatoriums *Wendelstein* ein Mammut zu Tode. Gefunden wurden diese Ueberreste des Urelefanten, der eine Schulterhoehe von 3 bis 5 metern hatte und ebenso lange Stosszaehne, erst 1953 nach Christ im Lehmboden eines haushohen Moraenenhuegels. Dieser Kiesbuckel gehoerte spaeter, ca 15 000 Jahre vor Christ, zum noerdlichen Uferverlauf des einstigen Rosenheimer Sees, der -nachdem der Inngletscher *gehend* geworden war- den schon in den Eiszeiten entstandenen Gelaendetrog angefuellt hatte. Eines schoenen Jahrtausends war dann dieser See vermoort, so dass sich in seinem Becken bereits Aiblings Zukunft als aeltestes Moorbad Bayerns entwickelte, eben ein braunes Torfmeer, dessen Alter auf ca.10000 Jahre geschaetzt wurde. Als dann die Steinzeituhr wieder einige tausendmal um die Runde gegangen war, begann im Mangfalltal eine andere Aera, naemlich die von Adam und Eva. Allerdings hiessen die ersten Aiblinger, die zwischen 4000 und 3000 vor Christ hier sesshaft geworden waren, nicht so. Aber wie geschickt und intelligent sie waren, davon zeugen auch noch heute ihre im Aiblinger Heimatmuseum verwahrten Werkzeuge aus hartem Stein. In der nachfolgenden Bronzezeit hat dann einer oder eine in der Schratzlseher Filze noerdlich von Aibling gleich eine Handvoll schoen verzierter Nadeln deponiert, aber doch nie wieder abgeholt. Zufaelligerweise wurde der Schatx erst 1898 von einem Torfstecher entdeckt. Eine Unterbrechung hat die einmal begonnene Besiedlung des Aiblinger Raumes dann nicht mehr erfahren, wie an einer ganzenReihe weiterer fruehgeschichtlicher Artefakte im Heimatmuseum zu sehen ist. 

Noch vor unserer Zeit kamen die Roemer ins Land, aber ihre grosse Heerstrasse Juvavum- Augusta Vindelicorum (Salzburg-Augsburg), die doch durch die Aiblinger Gebiete gefuehrt haben musste, ist hier nicht mehr nachweisbar. In der Voelkerwanderungszeit vertrieben schliesslich die Bajuwaren die roemischen Besatzer und wurden hier sesshaft. 

Der breite Moraenenruecken, in dessen Bogen das alte Aibling sich schmiegte, heisst in seinem oestlichen Teil oberhalb des Ortes Klafferer, im noerdlichen Hofberg. Diesen Namen hat er keineswegs von ungefaehr. Hier haben sich sozusagen die Aiblinger Jahrhunderte haeuslich niedergelassen. Mit grosser Wahrscheinlichkeit darf angenommen werden, dass hier schon eine Burg des von Karl dem Grossen entmachteten aeltesten bajuwarischen Herzogsgeschlecht, den Agilolfingern, stand, deren letzter Herzog Tassilo III. war. Als *Epilinga*, wahrscheinlich nach einem Bajuwaren Epilo, der sich hier ansiedelte, wird Aibling erstmals urkundlich in Zusammenhang mit einem zwischen dem Bischof von Freising und dem Abt vom Kloster Chiemsee ausgebrochenen Streit um Kirchen und Kirchengut genannt. Karl der Grosse liess den Zwist am 13. Januar 804 in einer auf dem Hofberg abgehaltenen Gerichtsverhandlung beilegen. Am 17. Maerz des Jahres 855 brachte ein Enkel des Grossen Karl, der fraenkische Koenig Ludwig, der sich waehrend der Fastenzeit auf der Burg zu Epilinga aufhielt, einen gerichtlichen Vergleich zwischen den Bischoefen von Freising und Trient zustande. In der Person des Kaisers Arnulff, der -wieder einmal auf dem Zug nach Italien unterwegs- 898 auf dem Aiblinger Hofberg das Weihnachtsfest feierte und im Jahr darauf starb, wird die Geschichte der Karolinger am Ende gar noch zur grausigen Kriminalgeschichte. Pfarrer Josef Grassinger, der vor mehr als hundert Jahren erstmals eine allgemeinverstaendliche Geschichte Aiblings verfasste, schrieb darueber: *Das Jahr 899 schlug fuer den Kaiser sehr ungluecklich aus. Zu Anfang dieses Jahres wurde seine Gattin eines Ehebruchs beschuldigt. Im Heumonat wurde ueber die Kaiserin in Regensburg Gericht gehalten und dieselbe als unschuldig losgesprochen. Gleich darauf wurde der Kaiser von einem Schlagflusse betroffen. Man mutmasste, es waere ihm Gift unterschoben worden. Es kam ein gewisser German in Verdacht und wurde zu Regensburg enthauptet. Ein Weib, Notburga mit Namen, war als Mitschuldige angeklagt und wurde zu Aibling gehaengt. *Solche Malefizhandlungen*, wie dieser Giftmord, wurden in spaeteren Jahrhunderten hier zumindest nicht mehr verzeichnet. 

Unter den Wittelsbachern wuchs Aibling kraeftig; es besass 1321 die gleichen Marktrechte wie die Residenzstadt Muenchen. Als dann 1582 der Muenchener Rentmeister auf einer Inspektionsreise durch die oberbayerischen Landgerichte auch dann nach Aibling kam, konnte ihm nicht ein einziger Schwerverbrecher zur Aburteilung vorgefuehrt werden. Ueber die bajuwarische Raufslust allerdings hat sich der Rentmeister geradezu entsetzt, denn auf einer kurz vorher abgehaltenen Hochzeit war *ain sollich Gefecht, schlagen und rauffen von Manns- und Weibspersonen gewest, davon nit ze sagen, Praut und Preutigam alles unainig durcheinander gewest*. Nun, so waren sie halt, die alten Oablinger, und wenn sie gelegentlich den Watschenbaum umfallen liessen, dann war das wie ein Naturereignis. Aber die Oablinger liessen sich auch *net schwoam*, wenn das Unglueck ueber sie kam, wie die schweren Feuersbruenste der Jahre 1498,1503,1730,1747,1765 und 1811. Zweimal, 1564 und 1634, wuetete die Pest. Unter Kriegsgewirren und Zwangseinquartierungen hatte der Markt Aibling besonders waehrend des Dreissigjaehrigen Krieges und waehrend der Erbfolgekriege im 18. Jahrhundert zu leiden. Bei dem Brand im Jahre 1765 gingen ausser 27 Wohnhaeuser auch die Sebastianikirche und das Ratshaus mit den meisten alten Urkunden zugrunde. Ein Brandunglueck in unserem Jahrhundert zerstoerte 1940 das bereits seit 1765 wieder aufgebaute alte Rathaus, einen der wenigen barocken Profanbauten in unserer Gegend, bis auf die Fassade. Nun steht an der alten Stelle ein 1973 eingeweihter grosser moderner Zweckbau fuer die Stadtverwaltung. -Aber blaettern wir noch einmal zurueck. In der 1796 erschienenen *Beschreibung der Chaussee von Muenchen ueber Aibling nach Traunstein* heisst es: *Der Markt Aibling zaehlt heutzutage 200 Haeuser und 900 Einwohner, die einen buergerlichen Magistrat von zwei Buergermeistern, einem Marktschreiber, acht Ratsmitgliedern und sechs Gemeindesprechern haben. Zum Unterrichte der Jugend wird auch an Sonn- und Feiertagen Schule gehalten und es sei gesagt, dass selbes immer fleissig besucht wird. Zu wuenschen waere es, dass das Schulhaus besser gebaut waere.* Nun, es wurde 1804 so gut gebaut, dass es heute noch den Staedtischen Kindergarten aufweist. 

Der heilige Sebastian, ein roemischer Maertyrer, ist seit altersher Patron gegen ansteckende Krankheiten gewesen. Als im Jahre 1564 in Bayern die Pest wuetete, baute man ihm auch in Aibling, am heutigen Marienplatz, eine Kapelle. Doch die Seuche suchte im Gefolge des Dreissigjaehrigen Krieges Aibling erneut heim. Also wurde dem Pestheiligen eine Kirche gebaut. Die Buerger brachten im Jahre 1634 dafuer 4000 Gulden auf. Da diese Kirche rund 120 Jahre spaeter im Jahre 1765 durch den grossen Brand bis auf die Umfassungsmauern zerstoert worden war, wurde sie mit einer durch Sammlungen und Spenden anderer Kirchengemeinden aufgebrachten Summe von 13 527 Gulden neu aufgebaut und 1789 durch den Weihbischof Johann Nepomuk Wolf von Freising geweiht. Doch das Ungluech schien kein Ende zu nehmen. 1830 schlug der Blitz in die Turmkuppel und richtete grossen Schaden an. 1872 brannten mehrere benachbarte Gebaeude ab, und auch die Turmkuppel von St. Sebastian wurde ein Raub der Flammen. Danach erhielt das Gotteshaus den jetzigen Spitzturm. Die Kirche ist ein tonnengewoelbter Saalbau, dessen Ecken abgerundet sind. Ihr Inneres wurde erstmals 1826/27 restauriert; damals wurden die unter der Tuenche verborgenen Fresken des Kirchenschiffes aus dem 18. Jahrhundert entdeckt. Diese Gemaelde schuf der Aiblinger Barockmaler Johann Georg Gaill, die Altarblaetter der beiden Seitenaltaere sein Sohn Franz Gaill. Auf dem Bild am linken Altar steht, ja schwebt fast die Gottesmutter auf der Erdkugel; auf dem rechten Seitenaltar befindet sich ein Bild der Pieta, wie es auf dem Hochaltar in Georgenberg bei Schwaz in Tirol zu sehen ist. Das Aiblinger Gemaelde zeigt den vor der Pieta in Anbetung verharrenden seligen Ratholdus, den Stifter des Klosters von Georgenberg, und neben ihm rechts grossmaechtig den heiligen Ritter Georg, den Schutzpatron von Bad Aibling. Der Hochaltar mit seinen Figuren ist ein Werk von Joseph Goetsch, der Schueler und Mitarbeiter von Ignaz Guenther war. Der heilige Sebastian auf dem Altar ist aber um ein gutes Jahrhundert aelter, also ein Werk der Renaissance. Zu neuer Pracht und Schoenheit gelangte die Kirche *Honorem Sancti Sebastiani* -das Bild des Heiligen ist ueber dem Eingangsportal -durch die Renovierungen 1976 und 1977. 

Dem seligen Ratholdus, einem alten Aiblinger aus der Karolingerzeit, begegnet man gleich neben der Sebastianikirche nochmal. Am Marienplatz steht das Hotel Lindner. Im Mittelalter gehoerten dessen alte Mauern, wie der Gedenktafel an einer der Aussenwaende zu entnehmen ist, zu dem als *Prantshausen* bezeichneten *Sedelhof*, abgeleitet vom lateinischen *sedes*, der Sitz. Es war der Sitz der Herren von Prant, welche 1255 beurkundet sind. Und weiter heisst es: *Hier ist die Geburtsstaette des seligen Ratholdus, des Gruenders von St. Georgenberg in Tirol um 800 nach Christus.* Nach einer anderen Quelle soll Ratholdus *dem adligen Geschlecht der Andechser entstammen, die in Aibling beguetert waren*. Die Familie Lindner beauftragte 1949 den Maler Max Ziegler, ein Fresko zur augenfaelligen Erinnerung an Ratholdus zu schaffen. Das Wandbild zeigt den Seligen als Pilger: deutlich zu erkennen an seinem Pilgerstab und an der Muschel, die er auf der Brust traegt. So waren alle Pilger ins Heilige Land gekleidet. Als Beispiel dafuer ist Santiago de Compostela anzufuehren, dessen Hut und Pilgermantel mit Muscheln besteckt sind. Sie sollten schon aeusserlich kenntlich machen, dass die frommen Maenner *ueber Meere und Laender* zum Grab Jesus Christi pilgerten. Seit eh und je ist die Perlmuschel auch ein Mariensymbol, denn die Mutter des Herrn barg ja die *allerkoestlichste Perle*, Jesus Christus. Die Muschel ist aber auch ein Symbol fuer das Grab Jesus Christus, das die edle Perle, den Heiland, fest verschliesst und das mit Gewalt gesprengt wird. Sie ist also auch ein Auferstehungssymbol, das auf Sakophagen und Gemaelden zu finden ist, wie eben auf dem Ratholdusfresko. Allerdings wird die Legende dadurch noch nicht zur Geschichte. Doch das Fresko an dieser Altaiblinger Ecke zwischen dem Marienplatz und *An der Waage* bildet enen historischen Hintergrund fuer das bunte Leben an dem grosszuegig neugestaltenen Platz, unuebersehbar, wemm man vom Hofberg her die Kirchzeile herunterkommt. Blumen und Gemuese sind zu Fuessen des Ratholdus ausgebreitet, Adventskraenze und Tannengebinde zur Weinachtszeit. Und unter dem Dutzend alter Rosskastanienbaeume stellen immer wieder junge Leute ihren nostalgischen Tand auf Flohmaerkten aus. 

Was in Aibling die Heimsuchungen der Jahrhunderte, aber auch die Ambitionen, nicht nur der Gruenderjahre, sondern auch spaeterer *Gruenderzeiten*, ueberdauerte, liegt nahe beieinander: am Marienplatz und zum groessten Teil in der Kirchzeile. Der Marienplatz hat im Verlauf der letzten hundert Jahre zweimal ein neues Gesicht bekommen, zu Anfang unseres Jahrhunderts und in seinem achten Jahrzehnt. An die Stelle, an der das 1940 abgebrannte alte Rathaus von 1765 stand, wurde im Jahre 1973 ein grosser moderner Verwaltungsbau gesetzt. Das alte Hotel Duschlpost, 1934 von der Kreissparkasse erworben und fuer ihre Zwecke umgebaut, wurde 1977 abgerissen. Nun steht da, eng mit dem Rathaus verbunden und ueber das Gasthaus Sebastianibraeu in die Kirchzeile leitend, die neue Sparkasse. Der Marienplatz ist weiter und grossraeumiger fuer Menschen und Verkehr geworden. In der Kirchzeile, die zum Hofberg fuehrt, versucht man, die alten Fassaden zu erhalten. Wo ihnen Zeiten und Menschen arg zugesetzt haben, ist man bemueht, ihnen sachkundig das gute Gesicht ihrer jungen Jahre wiederzuschenken; der alten Maxlrainer Bierhalle, dem heutigen Maxlrainer Hof, gab man das Aussehen, das sie zu Anfang des 19. Jahrhunderts hatte. Das Haus ist in seinen Grundfesten noch viel aelter; seine aeussere Gestalt hatte es sich ueber die Jahrhunderte hinweg unter den Runzeln bewahrt. -Bei einigen weiteren zweistoeckigen Haeusern der Kirchzeile hatten die Baumeister einst offensichtlich nach der Architektur der Innstaedte geschielt; auch auf dem Umschlagbild sind Haeuser mit der fuer die Inn-Salzach-Staedte typischen Vorschussmauer zu sehen. Das alpenlaendische Bauernhaus war dennoch das staerkere Vorbild. Sorgsam renovierte Lueftlmalerei und alte Inschriften machen diese Gebauede besonders reizvoll. Am sogenannten *Buergerhaus* fand die stets verborgene Angst der Aiblinger vor Feuersbrunst in dem Spruchband unter einer Schutzmantelmadonna von 1769 ihren Notschrei: *Die Kirchzeil wird es genannt. Maria bewahr's vor Feuerbrand.* -Gegenueber diesem Haus fuehrt eine schmale Gasse zur *Achtundachtsger Stieg'n* und ueber sie hinauf zum *Klafferer* an dem das alte Landratsamt und der ehemalige Schuhbraeukeller, jetzt Seniorenheim, liegen. 

Am *Doktorhaus* an der oberen Kirchzeile, einem fast vierhundert Jahre alten Bau, der der Bader- und Arztfamilie Gschwaendler nun schon der der sechsten Generation gehoert, ist zu lesen: *Wir leben so dahin und nehmen's nicht in acht, dass jeder Augenblick das Leben kuerzer macht.* Das schoene alte Gebaeude war in frueheren Jahrhunderten das der Kirche gehoerende Badhaus. -Gleich daneben steht, als reizvoller Blickfang am Ende der Kirchzeile, das heutige Hotel Ratskeller mit anmutigem Eckerker und den Fresken von Franz Gaill. Die Hausinschrift sagt selbstbewusst: *Der Spoetter gibt es gar zu viel, Der Neider auch nicht minder. Ich zier mein Haus nach meinem Will, vor Mich und meine Kinder.* Sicher ist, dass dieses Haus als Marktschreiberhaus schon im 15. Jahrhundert urkundlich erwaehnt wurde. Dass aber, wie manchmal zur hoeheren Ehre der Aiblinger Historie erzaehlt wird, darin schon karolingische Kaiser genaechtigt haetten, forderte die Spoetter unserer Tage heraus. Eine weitere Tafel, das *Schwedendenkmal* an der Mauer gleich unterhalb des Hofberges, erinnert an boese Zeiten. Anno 1898 wurde die Erinnerungstafel, wie zu lesen ist: *Errichtet von dem Markte Bad Aibling seinen heldenmuetigen Buergern, welche 1648 im Kampfe gegen die Schweden Familie und Eigentum verteidigten bis in den Tod.* Die streitbaren Maenner, die einen tollkuehnen und ungluecklichen Ausfall ins feindliche Lager bei Mietraching gewagt hatten, fielen und wurden an dieser Stelle begraben. Nur zwei ueberlebten, die sollten sich in den Kamin eines Hauses jenseits der Strasse gefluechtet haben. Um Sein oder Nichtsein eben dieses Hauses, des *Grabenschusterhauses*, das gewiss nicht mehr das Gleiche war, in dem sich die Maenner einst verborgen hielten, ist es bis in unsere Tage gegangen. Historische Reminiszenzen oder Verkehrssicherheit, das war die Frage. Die Verkehrssicherheit hat gesiegt. -Zwischen Ratskeller und dem kleinen alten Chorregentenhaus der Pfarrkirche kommt man zur Glonn; rechts an ihr entlang, unterhalb des Hofberges, auf dem auch das Schloesschen Prantseck liegt, gelangt man zur Hofmuehle und nach Thuerham. In *Teorhage* (*Thierham*) stand bereits um 800 Aiblings aelteste Kirche: St. Georg. Sie wurde 1804 abgetragen. 

Das Stadtbild von Bad Aibling wird von der Kirche Mariae Himmelfahrt auf dem Hofberg beherrscht. Als sie Anfang des 14. Jahrhunderts Pfarrkirche wurde, blieb der Pfarrsitz noch lange im nahen Dorf und jetzigen Stadtteil Ellmosen. Der Bau der heutigen Pfarrkirche, an der Stelle der alten Pfalzkapelle errichtet, stammt zum groessten Teil aus dem 15. Jahrhundert. Trotz verschiedener Renovationen und Ausbauten wurde die Kirche im 18. Jahrhundert wegen der wachsenden Seelenzahl des Marktes Aiblings zu klein. Man dachte sogar an das Abreissen und den Bau eines neuen Gotteshauses. Doch der zu Rate gezogene beruehmte Muechner Stadtbaumeister Johann Michael Fischer war fuer eine Verlaengerung der Kirche. Nach seinen Plaenen baute sie der Maurermeister Abraham Millauer aus der Hausstatt 1755/56 nach dem Westen hin aus. Man entfernte die gotischen Gewoelberippen und huellte die Kirche in das Gewand es Rokokostils. Aus dem alten Bestand blieb das an der Aussenwand des Chores haengende Kreuz vom Anfang des 17. Jahrhunderts erhalten, ausserdem die Gottesmutter auf dem Hochaltar: das Weib der geheimen Offenbarung, mit der Sonne bekleidet, den Mond unter ihren Fuessen und eine Krone aus zwoelf Sternen auf dem Haupte. Diese Figur von Anfang des 16. Jahrhunderts wurde einst als wundertaetiges Gnadenbild verehrt. In derselben Aere entstand auch der marmorne Taufstein mit der Taufszene am Fluss Jordan. Die Kirche ist heute ein weitraeumiger Saalbau mit eingezogenem kurzen Altarraum und dreiseitigem Schluss. Die Rokokostukkaturen von den Meistern Thomas Schwarzenbeck aus Aibling und Fink aus Erding sind bezaeubernd anmutig. Die Deckengemaelde von Martin Heigl und Josef Wunderer stellen den Tod Marias, ihre Himmelfahrt und ihre Verherrlichung durch alle Voelker dar. Ueber dem Schrein mit den Reliquien des heiligen Honoratus haengt links vom Hauptaltar eine ausdrucksstarke Kreuzigungsgruppe des Kuenstlers Joseph Goetsch. Von ihm stammt auch der heilige Nepomuk auf der gegenueberliegenden Seite. Wenn man hier nach oben schaut, entdeckt man auf dem Rocaillemedaillon das alte Aibling, fein und liebevoll gemalt und so schoen, dass es vom Landesamt fuer Denkmalpflege als bestes altes Bild Aiblings bezeichnet wurde. 

Den Menschen, die einst in Aibling das Sagen hatten, begegnet man (gewissermassen fuer die Ewigkeit in Stein gehauen) auf Marmorgrabplatten an der noerdlichen Aussenseite der Pfarrkirche: dem Pfarrer Wolfgang Hagedorn aus dem fruehen 16. Jahrhundert und der adeligen Familie Prant, einem Geschlecht, das schon in Chroniken des 13. Jahrhunderts erwaehnt wurde und zwei Edelsitze in Aibling besass. Wilhelm von Prant, der 1572 verstarb, ist auf dem Epitaph mit seiner Familie abgebildet; in schoener Reliefarbeit ist ueber seinem Wapen und der knienden Familie die Auferstehung Christus dargestellt. Das reichausgestattete Grabmal des Aiblinger Pflegers Kaspar von Pienzenau stammt aus dem Jahre 1575. Ueber vier kleine Gestalten sind Kreuze: die fruehverstorbenen Kinder; erschuetterndes Dokument der Kindersterblichkeit in frueheren Jahrhunderten. In diesem Kaspar von Pienzenau koennen die Aiblinger einen jener Maenner betrachten, die ungefaehr in der Halbzeit der rund tausendjaehrigen Gerichtsbarkeit und Verwaltung des Gmeindewesens eine hervorragende Rolle spielten. Doch schon 300 Jahre vor ihm war ein Friedrich Pienzenawe der Pfleger, also ein hoher Beamter des von Herzog Ludwig dem Strengen errichteten Amtes *Aeblingen*,eines Pflegegerichts, das weit ueber die Grenzen des Altlandeskreises Aibling reichte. Bis es allerdings diesen Landkreis Aibling gab, hatten die Buerger immer wieder um ihre Verwaltungs- und Gerichtshoheit zu kaempfen. Nach der unglueckseligen Sendlinger Bauernschlacht von 1705 fiel die Pflege Aibling sogar zeitweilig an die Oesterreicher. 1799 wurden die Pflegegerichte in Landgerichte umgewandelt, die die gleichen Obliegenheiten hatten wie spaeter die Bezirksaemter. Damals begann schon so etwas wie eine Gebietsreform. Es ging hin und her mit der Verwaltungshoheit zwischen Aibling und Rosenheim. Als die Rosenheimer einmal aufbegehrten, weil sie Aibling unterstellt waren, wurde 1807 der Landgerichtssitz durch *allerhoechsten* Befehl wieder fortgenommen und nach Rosenheim verlegt. So wurde ein in einem runden Jahrtausend organisch gewachsener Wirtschafts- und Verwaltungsraum, dessen Mittelpunkt das historische Epilanga0Aibling war, mit Gewalt zerrissen. >P> Wie eine alte, traditionsbewusste und in ihrem Stolz verletzte Marktgemeinde um ihr Selbstverstaendnis gerungen hat, dafuer gibt es ein lokal- und zeitgeschichtiches Dokument. Mit einer Verfuegung vom 13. Mai 1838 war zwar das Landgericht Aibling wieder errichtet, doch den Sitz eines eigenen Bezirksamtes fuer den Landgerichtsbereich hielten die Aiblinger dann auch noch fuer *unbedingt notwendig*. In einer ueber viele Seiten gehenden, 1863 an den Koenig Max II. Gerichteten Bittschrift, die als *Allerunterthaenigst treu gehorsamste Vorstellung des Magistrats der Marktgemeinde Aibling* bezeichnet war, begruendeten sie das. Die Schrift zeigt in ihrer Argumentation eine erstaunliche Parallele zu jenen Begruendungen, mit denen gut hundert Jahr spaeter um den Fortbestand Bad Aiblings als Kreisstadt gekaempft wurde -da freilich nicht mit solchen demuetig-beschwoerenden Anrufen, wie sie 1863 die lange Bittschrift beschlossen" *Allerdurchlauchtigster Grossmaechtiger Koenig! Die Nachwelt wird mit Stolz auf die segensreichen Schoepfungen Eurer Majaestaet zurueckblicken. Was aber dem ganzen Lande zum Segen gereicht, sollte nicht gerade fuer uns verderbend seyn! Ein Wort Eurer Koenigliche Hoheit wird uns an der allgemeinen Freude theilnehmen und auch fuer uns die neuen Institutionen heilbringend werden lassen. Moege Eure Koenigliche Majestaet die bange Sorge fuer die Zukunft unseres Marktes verscheuchen und die allerunterthaenigste Bitte gewaehren: dass fuer den Landgerichtsbezirk Aibling ein Bezirksamt mit dem Sitze Aibling errichtet werden moege. In allertiefster Ehrfurcht erstirbt Eurer Koeniglichen Hoheit allerunterthaenigst treu gehorsamster Magistrat des Marktes Aibling.* Ob der ueberhaupt einer Antwort gewuerdigt wurde, steht nicht fest. Aber die Aiblinger gaben einfach nicht auf, sie versuchten es immer wieder mit neuen Petitionen und hatten es im *Jubeljahr 1900* endlich geschafft. Im Oktober 1901 stand dann auch das Gebaeude des Koeniglichen Bayerischen Bezirksamts am Klafferer 4, von gleicher stolzer Hoehe wie Kirche und Amtsgericht und den alten Markt ueberragend. Als ruestigem Siebziger wurde dem Amt, seit 1939 Landratsamt, 1971 das Lebenslicht ausgeblasen. Die Gebietsreform verordnete es nach Rosenheim. 

Gerade in jenem Jahr 1838, als im Mai das Landgericht wieder errichtet worden war, fiel den Aiblingern in einer Sternstunde noch ein besonderer Trumpf zu: Der 1804 in Ebersberg geborene Landgerichtsarzt Dr. Desiderius Beck wurde nach Aibling versetzt. Er hatte seinen Doktorhut mit einer Arbeit *Versuche ueber die Akupunktur* erworben. Doch sein besonderes Interesse muss schon damals dem *Schatz in der Wildernis*, dem Heilmittel Moor, gegolten haben. Er begann sogleich, unterstuetzt von zwei Aiblingern, dem Landarzt Johann Michael Gschwaendler und dem Apotheker Anton Burger, wissenschaftlich zu experimentieren. Sieben Jahre daueren die Versuche, und aus der ersten *Soolen- und Schlamm-Bade-Anstalt*, die Dr. Beck 1845 mit einem Kostenaufwand vo 9500 Gulden errichtet hatte, wurde schliesslich das Kurhotel Ludwigsbad, das als Urzelle des Aiblinger Heilbadebetriebes gelten kann. Der verborgene Schatz war gehoben und die Heilkraft des Torfmoores, das bis dahin noch kaum als Brennmaterial bekannt gewesen war, nutzbar gemacht. Aber die Entwicklung des *Aeltesten Moorbades Bayern* verlief dann doch nicht so glatt, wie Desiderius Beck, der helfen- und heilenwollende Arzt und Menschenfreund, es sich wohl erhofft hatte. Sie forderte Opfer, und das erste war er, der Gruender selbst. Die dauernden Anforderunen ueberstiegen seine finanzielle Leistungskraft bei weitem; hatten jedoch die Vergroesserungen und Verbesserungen seiner Moorbadeanstalt bereits innerhalb der ersten drei Jahre Kosten von 20 000 Gulden verursacht. Nur knapp 12 Jahre waren ihm vergoennt, 1857 musste er seinen Besitz verkaufen. Dieses fuer ihn in vielfacher Weise tragische Jahr brachte fuer Aibling selbst ein sehr bedeutendes Ereignis: die Eroeffnung der Bahnlinie Muenchen-Holzkirchen-Aibling-Rosenheim. Sie war die Ursache neuen Zuspruchs fuer das Moorbad. Oft von weither kamen nun die Badegaeste. Als dann 1870 der deutsch-franzoesische Krieg ausbrach, hatten Moorkuren bereits einen so phantastischen Ruf, dass die Koenigliche Bayerische Armee Verwundete zur Nachbehandlung von Schusswunden nach Aibling sandte. Der Titel *Bad* wurde Aibling 1895 von Prinzregent Luitpold allergnaedigst genehmigt. Ausser dem Ludwigsbad gab es zu dieser Zeit bereits drei weitere Kuranstalten: die Kurhotels Wittelsbach, Theresienbad und Wilhelmsbad. Franz von Kobell, der beruehmte bayerische Dialektdichter und Mineraloge waren zur Kur in Bad Aibling sowie der Fuerst von Thurn und Taxis mit seinem Leibarzt, in den Gaestelisten haeuften sich die beruehmten Namen und in dem bei Piper in Muenschen erschienenen Buch *Karl Valentin's gesammelte Werke* hat der grosse Komiker auch diesen *Brief aus Bad Aibling* veroeffentlicht: 

Hochwohlgeborene Anni, liebe Ehefrau und Zuckerschneckerl! Liebe Frau, teile Dir mit, dass ich in Bad Aibling gut angekommen bin. Bei Ankunft stiegte ich aus dem selben Zug aus, in den in am Bahnhof zu Muenchen einstug. Ich wollte absichtlich nicht weiterfahren, da mein Billet nur bis Aibling giltig war und haette eine Weiterfahrt keinen Wert gehabt, da ich sonst ueber Bad Aibling hinausgefahren waere. Die Eisenbahnfahrt ging sehr schnell, da es ein Schnellzug war: waere es ein Gueterzug gewesen, waere die Fahr natuerlich nur Gueter gewesen. Waehrend der Fahrt asste ich mein Butterbrot und trankte meinen roten Wein. Vis a vis von meinem Schnellzug sauste auf einmal ein anderer Schnellzug vorbei, und zwar so schnell, dass man die Leute, die in dem anderen Schnellzug sassten, kaum gruessen konnte, obwohl vielleicht ein guter Bekannter haette drin sitzen koennen, der dann am andern Tag zu mir gesagt haette: Gestern waren Sie aber protzig, weil Sie mich nicht einmal gegruesst haben. Die Fahrt ging dann weiter; auf einmal wurde es mir not, die Notkabine war aber besetzt; deshalb zogte ich die Notbremse und der Zug stund. Der Eisenbahnbesitzer stiegte zu mir in das Kouplet und schrub mich auf wegen Notzug. Die Gesellschaft im Eisenbahnwagen war sehr gemischt; es waren fast lauter Reisende, nur der eine Herr, der in Muenchen den Zug versaeumte, fuhr nicht mit, da er wahrscheinlich mit dem naechsten Zug hinter uns nachkommt, in welchem wir auch gefahren waeren, wenn wir auch den Zug versaeumt haetten. In Aibling selbst ist es sehr schoen, obwohl es, glaube ich, sehr wenig Weinkneipen dort gibt. Gestern hat mich der Kurarzt untersucht, er meint, ich muesste nich im Bett liegen bleiben, nur bei Nacht muesse ich im Bett bleiben, was ich ja sowieso getan haette. Sonst geht es mir gut' ich habe mein eigenes Zimmer, in welchem sechs Betten stehen, wovon aber vier besetzt sind mit vier Patientinnen. Ich schliesse nun meinen Brief und hoffe, dass Du mir in Muenchen treu bleibst, wenigstens halbe treu, zum mindesten viertel ueber zwei. Meine Uhr habe ich vergessen, wir haben auch in unserem Schlafsaal keine Uhr. Wenn du mir wieder schreibst, schreibe bitte in den Brief hinein, wieviel Uhr es ist. Ich weiss gar nicht, wie ich an der Zeit bin. Es gruesst und kuesst Dich hochachtungsvoll ergebenst Nepomuk Semmelmeier, Patient, z.Zt. Bad Aibling 

Durch die Anerkennung als Bad ging es wirtschaftlich auch mit dem Markt Aibling aufwaerts. Ein *Kur- und Verschoenerungsverein* wurde ins Leben gerufen, und in den Gruenderjahren um die Jahrhundertwende entstand auch der architektonische Stolz jener Zeit und jeder Stadt, die etwas auf sich hielt: die spaeter oft geschmaehten und heute zu neuem Ansehen gelangten Jugendstilvillen. Die entlang der Glonn an der Meggendorfer Strasse stehenden Haeuser bilden den einzigen stilistisch reinen trassenzug de heutigen Kurstadt. Ueber einen Steg ist man von da rasch am Kukrhaus und im Kurpark. In einer Broschuere von 1908 heisst es dazu: *Seten wird man so nahe, fast mitten im Ort, von allen Seiten auf zahlreichen gutgepflegtenWegen zugaengig, solch praechtige Anlagen finden, wie sie uns in Aiblings Kurpark begegnen. Die schattige Kuehle reizender Laubgaenge ladet mit den lausichen Ruheplaetzen gar freundlich zum Verweilen ein. Die rascheilenden Wasser der braunen Glonn die in zwei Armen den Kurpark durchziehen, die schattenspendenden Baum- und Strauchgruppen, die im gleissenden Sonnenlicht leuchtenden Blueten und Blumen, dann wieder gruene Wiesenflaechen, der idyllische See (heute *Irlachweiher* genannt) mit Schiffhuetten, Schwanenhauesern und schaukelnden Booten, die unermuedlich rauschende Fontaene, entzueckende Blicke auf die im Sueden blauenden Berge und darueber der lachende Himmel gewoelbt: das Alles vereinigt sich zu bezaubernden lieblichen Bildern, die im Nu Herz und Sinn gefangen nehmen. Wie ein praechtiger Rahmen umschliesst diese stimmungsvolle Landschaft das Kurhaus. Gar maechtig und breit steht es farbenreich da, blumengeschmueckt. Ein weitausladendes Ziegeldach schirmt das stattliche Haus, dessen gefaelliger Aussenbau sich dem oberbayerischen Gebirgsstil anlehnt.* -Diese Beschreibung des Kurparks stimmt auch heute noch, wenn wir es auch nicht mehr so blumig ausdruecken wuerden. Doch das so geschilderte, 1907 erbaute Kurhaus langte den gehobenen Anspruechen eines sich entwickelnden Kurortes nicht mehr. Ein Um- und Neubau von 1966/67 liess den oberbayerischen Gebirgsstil des Hauses verschwinden und stellte ein neues Gebaeude mit grossem Sgraffito ueber dem Portal hin. 

Das neue Kurhaus bekam beim Umbau 1966/67 einen Theaterraum fuer 800 Personen, eine moderne Buehne und, ausser Gesellschaftsraeumen, einen kleineren Konzertsaal. -Seit wann in Aibling Theater gespielt wurde, laesst sich nicht genau feststellen. In Szene gesetzte Darstellungen der Passion Christi, wie Oelbergandachten, gab es noch zu Beginn der 19. Jahrhunderts. Ein Aiblinger, Pater Franziskus Lang SJ, schrieb sogar ein in der Theaterwissenschaft beruehmtes Buch ueber das Jesuitentheater des Barock, 1727 erschienen unter dem Titel "Abhandlung ueber die Schauspielkunst* in Muenchen in lateinischer Sprache. - Auf der alten Aiblinger Kurhausbuehne wurde seit 1907 gespielt. Waehrend und nach dem 2. Weltkrieg gab es trotz der enfachen Buehne gute Auffuehrungen, denn in einer Zeit der ausgebombteen Theater- und Konzertsaele in den Grosstaedten besas ein intakter Saal in der Provinz Anziehungskraft. Bekannte Kuenstler kamen: Julius Patzak, Gerda Sommerschuh, Hans Hermann Nissen und viele andere. Die Lore-Bronner-Buehne spielte Klassiker, das Philharmonische Orchester Bad Reichenhall kam regelmaessig, oft mit namhaften Solisten. Man erlebt die Tanzkunst der Geschwister Hoepfner und Helga Pawlinis *Romantisches Ballet*. Doch erst nachdem das neue Kurhaus mit einer Fledermaus-Auffuehrung in Starbesetzung durch die Muenchner Opernbuehne in 1967 eingeweiht worden war, wurde Bad Aibling mit einem festen Spielplan zur wichtigsten Theaterstadt zwischen Muenchen, Salzburg und Innsbruch. Die Besucher kamen und kommen aus dem Chiemgau, aus Rosenheim, dem Inntal und aus den Landkreisen Ebersberg und Miesbach. Ganze Ensembles fester Buehnen gaben Gastspiele. Die Wiener *Burg* war da, das *Schwarze Theater Prag*, das Tiroler Landestheater. Das Passauer Stadttheater spielt immer wieder mit grossem Erfolg Opern und Operetten. Internationale Folkloregruppen, Choere und Orchester gastieren in Bad Aibling. Bayerische Dialektstuecke, durch bekannte Buehnen oder von begabten Laienspielern der Trachtvereine aufgefuehrt, machen die Aiblinger Theaterszene abwechslungsreich. 1977 gruendeten junge Leute sogar ein *Theater Aibling*, das Volksstuecke spielt. 

Am Wilhelm-Leibl-Platz 2, dem Kurhaus gegenueber, steht das Heimatmuseum. Seine Geschichte ist mit dem 1903 gegruendeten Historischen Verein geng verknuepft. Der hatte sich von Angang an mit dem Gedanken eines Heimatmuseums getragen, doch zunaechst, in 1908, nur beim *Bauernwirt* (im alten Marktschreiberhaus) ein notduerftiges Unterkommen gefunden. Dank dem Entgegenkommen der Marktgemeinde konnte das Museum 1931 in einem frueheren herrschaftlichen Oekonomiegut, das spaeter als Armenhaus gedient hatte, eine Heimstatt finden. Nach einem Um- und Neubau 1970/71 ist das Haus in den Besitz des Landkreises Rosenheim uebergegangen. Ein Anliegen der Museumsleiter ear es nun, den heutigen Menschen alte Handwerkskuenste und deren Werkzeuge zu zeigen. Im ersten Raum ist ein rund 200 Jahre alter Webstuhl und die Fertigung der bauerlichen Leinwand von der Flachsfaser bis zum fertigen Tuch im alten Hochzeitsschrank anzusehen. Es gibt eine fast vollstaendige Schaefflerwerkstatt und eine Faerberstube mit Modellen aus zwei Jahrhunderten. Auch ein Uhrenkabinett gibt es zu bewundern. Vom Erdgeschoss bis ins Dach kann man Entdeckungen machen, bauerliche Moebelstuecke finden, die so praechtig und typisch sind, dass das Hematmuseum sie zusammen mit sakralen Gegenstaenden fuer die Ausstellung *Bayern - Kunst und Kultur* in Muenchem im Olympiajahr 1972 herleihen konnte: einen vermutlich aus der Aiblinger Gegend stammenden Hochzeitsschrank von 1792, eine Tischplatte von 1752, in die Darstellungen von Tellern, Bestecken und Bechern, Brot,Eiern und Wuersten eingelegt sind, dann noch den um 1720 entstandenen Feilnbacher Haus- oder Kommodenaltar. Besondere Bewunderung erfaehrt immer wieder die *Marbachstube* des um 1700 ausgestorbenen Bauerngechlechts der Haffner aus Marbach im Leitzachtal. Die beiden aus der ersten Haefte des 17. Jahrhunderts stammenden Halbschraenke sowie die Stubentuer und die Kassettendecke lassen Stilelemente der Renaissance erkennen. Eine Schlafkammer mit einem Himmelbett, da von dem Aiblinger Lueftlmaler Baptist Boeham (1752 bix 1838) kunstvoll bemalt ist, und eine Bauernkuchl erregen das Entzuecken vieler Besucher. 

Neben den Zeugnissen heimatlicher Tradition und Kultur birgt das Heimatmuseum die Wilhelm- Leibl-Sammlung, eine im Verlauf vieler Jahre zusammengetragene Raritaet. Um aber keine falschen Erwartungen zu erwecken, einen *echten* Leibl hat das Museum nicht; doch es besitzt viele persoenlichen Dinge, die Leibl in seiner Kutterlinger Zeit von 1892 bis 1900 als Atelier und in der er mit seinem Freund und Malerkollegen Johann Sperl gearbeitet hatte. Der 1844 in Koeln geborene Wilhelm Leibl, einer der bedeutendsten Repraesanten der deutschen realistischen Malerei, hat volle 22 Jahre in der Aiblinger Gegend gewohnt: von 1878-1882 in Berbling, wo sein beruehmtestes Bild *Drei Frauen in der Kirche* entstand, dann bis 1892 in Aibling und schliesslich -bis zu seinem Tode am 4. Dezember 1900 in Wuerzburg -in Kutterling unterm Wendelstein. In Aibling wohnte er zunaechst als Mieter im Haus der Firma Windstosser am Marienplatz, wie damals das Textilhaus Mayer noch hiess, gleich rechts von der Sebastianikirche. Leibl hat den Besitzer Franz Mayer gemalt, und an dem Haus haengt eine Tafel, die an Leibl als Untermieter erinnert. Zusammen mit Johann Sperl, seinem guten Geist in den Fragen des Lebens und erst recht der Kunst, erwies er sich als trinkfester und geselliger Gast beim Lindner, beim Schuhbraeu und unter den Kastanien des ueber dem alten Markt gelegenen Schuhbraeu-Kellers. 1883 liess sich Leibl auf dem Anger vor der alten Hofmuehle ein Atelierhaeschen bauen. Dort entstand in wieder fast vierjaehrigem, *ruecksichtslosem persoenlichen Einsatz* als bedeutendstes Werk der Aiblinger Zeit das Bild *Wildschuetzen.* Doch bei der Schwierigkeit, das fast lebensgrosse Gemaelde in einem kleinen Raum zu malen, schlichen sich proportionale Missverhaeltnisse in den grossen Vorwurf ein. Leibl erkannte das zu spaet, und da das Bild weder in Paris noch in Berlin viel Zustimmung fand, nahm er wieder, wie beim *Nelkenmaedchen*, sein Messer und zerschnitt es in Einzelteile, die ihm nun jene kuenstlerische Wirkung erreicht zu haben schienen, die dem Gesamtbild mangelte. Lovis Corinth betrachtete die Zerstueckelung *als einen Verlust der groessten Kunstschaetze.* 

Maler haben sich immer wieder von Aibling angezogen und kuenstlerisch angeregt gefuehlt. Die fruehesten Werke fimdet man in Gotteshaeusern. Johann Blasius Viceli, der Aiblinger aus Sillian, malte Ende des 17. Jahrhunderts die Heiligen fuer die Seitenaltaere der Pfarrkirche. Hundert Jahre spaeter waren es die Rokokomaler Johann Georg Gaill und sein Sohn Franz, die die Sebastianikirche mit Gemaelden und das Marktschreiberhaus mit Fresken schmueckten. Wieder hundert Jahre danach waren Leibl und Sperl von der Atmosphaere der beschaulichen Kleinstadt und von der Landschaft zwischen ihr und den Bergen so begeistert, dass sie sie in gemeinsamen Bildern festhielten. Sperl malte die Landschaft und Leibl stellte die Menschen hinein: Jaeger, Bauern, und sich selbst zusammen mit dem *Manndl* Sperl. In Leibls Atelierhaueschen zog nach dessen Tod wieder ein Maler ein, der gebuertige Schwede und gefeierte *Simplizissmus* Zeichner Brynolf Wennerberg. Seinen duftigen Maedchen- und Frauenbildnissen begegnet man in vielen Aiblinger Haeusern, auch die Stadt und das Heimatmuseum besitzen eine Anzahl. Brynolf Wennerberg starb 1950 in Bad Aibling. Zwei Jahre vor ihm, 82jaehrig, starb Professor Hermann Urban, der zur selben Zeit wie Wennerberg hier gelebt hat und dem Leibl noch, als der junge Urban bei seinen Aiblinger Grosseltern war, bei seinen Malversuchen zugesehen hatte. Urban, mit 42 Jahren zum koeniglichen Professor berufen, wird *Meister der heroischen Landschaft* genannt. Nachdem er sich am suedlichen Himmel sattgesehen hatte, hat er die Landschaft der altbayerischen Heimat auf die Leinwand gebannt. Hermann Urban hat auch mit seiner Farbenlehre und seiner Wiederbelebung der aeltesten Maltechnik Wichtiges geleistet. Ebenfalls zur Wahlheimat geworden war Bad Aibling dem Maler- und Bildhauerehepaar Heinrich und Lissy Aigner. Und schliesslich hat Leo von Welden, der humorvoll-eigenwillige Maler, dessen trunken-skurile Typen ihm oft selbst ein wenig glichen, jahrelang in Aibling gewohnt, bis es ihn, wie Leibl, naeher an den Wendelstein zog. Ein Aiblinger und Sohn des begabten Kirchenmalers und Restaurators war auch Professor Sepp Hilz, oft zu Unrecht lediglich als Epigone Leibls bezeichnet. 

Die Erinnerung an ein *denkwuerdiges historisches Ereignis* ist an der Fassade des Gasthauses und der einstamligen Poststation Duschlbraeu am Marienplatz festgehalten: der Abschied einer bayerischen Koenigin von ihrem Sohn. Das Bild hat keiner der weithin anerkannten und grossen Meister geschaffen, aber ein in Aibling beliebter und unvergessener Maler: Josef Hochwind. Zu lesen ist daneben: *Koenigin Therese nahm hier am 6. Dezember 1832 tiefbewegten Herzens Abschied von ihrem Sohn, dem neugewaehlten Koenig Otto von Griechenland. Sie ruhte sich in einem Zimmer dieses Hauses aus, fast ohnmaechtig in herbem Abschiedsschmerz um den vielgeliebten Sohn. Eine Thorbraeutochter aus Muenchen, Verwandte der Familie Duschl aus Aibling, trug das letzte Abschiedsgedicht, den letzten Scheidegruss vom Bayernlande vor. Dieses zur Erinnerung an das denkwuerdige Ereignis im Hause Duschl, Alte Post.* Aber damit war die Erinnerung noch nicht genug getan, denn die damalige Biedermeierzeit war empfindsam und koenigstreu. Diese Eigenschaften fanden ihren Ausdruck in einem neugotischen Denkmal, dem *Theresienmonument*, das, wie es in der Beschreibung heisst, *treue Frauen aus allen Gauen Bayerns* an jener Stelle von der Mangfallbruecke errichten liessen, an der die Koeniging endgueltig Abschied von ihrem in ein so fernes fremdes Land reisenden Sohn nahm, der 1862 der griechischen Volksempoerung weichen musste. An dem grossen Festschiessen, das aus Anlass der Enthuellung des Momumentes am 1. Juni 1835 stattfand, nahmen 106 Schuetzen aus der ganzen Umgebung teil. Ihre Wahlsprueche sind alle aufbewahrt und zeugen von Koenigstreue und Heimatsinn. Die langen Reihen der Schuetzen eroeffnete ein Maxlrainer mit dem Spruch: *Es lebe unsere Koenigin*, sie liebt uns ja mit Muttersinn.* Der Lebzelter Siertl, vieljaehriger Buergermeister von Aibling, hat dem Schreiber folgendes diktiert: *Wir koennen heute froehlich schiessen, weil wir gesund in Hellas Otto wissen.* Dem Kuerschnersohn Josef Moeschl von Aibling war eingefallen: *Oh, dass des Koenigs Leben wuechse, bei jedem Schuss aus meiner Buechse.* Foerster Krebs liess auch keinen Zweifel an seiner Gesinnung aufkommen: *Dem Wendelstein gleich, der uns umgibt, so sehr mein Herz den Koenig liebt.* (Dieser Koenig war Ludwig I., und seine Geliebte, die falsche Spanierin Lola Montez, die ihn dann 1848 den Thron gekostet hat, war auch einmal Gast in der Duschl-Post.) 

Im Westen von Bad Aibling, dort, wo man auf der alten Landstrasse, der heutigen Staatsstrasse 2078, von Muenchen her zuerst in die Stadt hineinkommt, hat sich das sachlich neue Aibling angesiedelt: einige garantiert umweltfreundliche Industriebetriebe, das neue Schulzentrum und die erst 1963 konsektrierte, einfache, klare Georgskirche. Ihr Innenraum ist bestimmt von der Wuerde des Altars und von der zum Gottesdienst versammelten Gemeinde. Die fuer eine katholische Kirche im bayerischen Raum ungewoehliche Kargheit macht sie weniger zur sinnfrohen Augenweide fuer blosse Kunstbetrachter als zur Einkehrstaette fuer Beter. Eng mit dem Gotteshaus verbunden ist die 1961 erbaute *Grund- und Hauptschule an der Sonnenstrasse* fuer den Suedteil der Stadt. Zum neuen Schulzentrum gehoert die 1971 eingeweihte, inzwischen 23klassig ausgebaute und nun von rund 700 Schuelern besuchte Wilhelm-Leibl-Realschule. Zahlreiche weitere Buben und Maedchen brauchen ausserdem seit 1974 nicht mehr ins Gymnasium nach Rosenheim zu fahren; sie haben nun ein Gymnasium in Aibling, das mit der aus der Stadt Kolbermoor ins Aiblinger Schulzentrum verlegten *Wirtschaftsschule Alpenland* verbunden ist. Um ein Gymnasium hatten die Aiblinger, im Wettstreit mit Rosenheim bereits vor Hundert Jahren gekaempft. Es sollte im suedlichen Oberbayern, speziell in unserer Gegend, eine *Anstalt fuer hoehere Bildung* geschaffen werden. Zunaechst schien Aibling damit das Glueck zu haben. Man erhoffte sich hier Gewinn an Ansehen und Bedeutung und eine *Steigerung des Fremdenzuflusses*. Nun hatten sich zwar die an den Fremdenzufluss gesetzten Erwartungen der alten Aiblinger erfuellt, aber Rosenheim wurde doch zuerst Schulstadt. Die Lokalinspektion Aibling scheint den Ausschlag gegeben zu habeen, dass die ersehnte *hoehere Bildung*, trotz zweier weiterer Versuche zu Ende des 19. Jahrhunderts, noch keinen Eingang in Aibling gefunden hatte. Erst 1971 war es, wie gesagt, so weit. Nahe den neuen Schulen ist das Sportzentrum mit einer modernen Turnhalle und mit Kunststofflaufbahnen, auf denen auch ueberregionale Sportveranstaltungen ausgetragen werden. Im Sueden der Stadt entstehen ein Schwimmbad sowie eine Eislaufhalle, die 1981 eroeffnet werden. 

Aibling hatte, als das industrielle Zeitalter gerade erst angebrochen war, bereits seine *stille Industrie*, der es seinen Aufstieg in den Wohlstand der Kurstadt Bad Aibling verdankt. Den Rohstoff dafuer holte und holt es sich noch heute aus den weiten Hochmooren im Sueden der Stadt, aus einem Gebiet, das nun die Autobahn Muenchen-Salzburg durchschneidet. Im Jahre 1845, als nach der Gruendung der *Soolen- und Moorschlamm-Badeanstalt* durch Dr. Desiderius Beck stolze 50 Badegaeste in der Saison registriert wurden, und noch viele Jahrzehnte hinterher, foerderte man den Rohstoff Torf mit Menschenkraft, Schubkarren und Loren. Vierbeinige Pferdestaerken brachten ihn in die Badeanstalten, jeweils an die drei Zentner fuer ein Moorbad. Heute geben die Bagger, die Foerdermaschinen und die schweren Lastautos, die fuer rund 15 000 Heilungssuchende im Jahr das schwarze Gold Aiblings in die Stadt befoerdern,den Torfstichen fast das Aussehen einer Baustelle in Schwarz. Doch nur wenige Gehminuten abseits ist man gleich wieder in der Stille und der Wildnis des Moores, der *Filz'n*. Die Moore schieben sich, vor allem im Osten der Stadt, wo sich erst in der Mitte unseres Jahrhunderts grosse Kursanatorien anzusiedeln begannen, bis an den Rand der Huegellandschaft heran. Sie stuerzt manchmal, wie eine vorgebaute Terasse, fast ohne Uebergang in die leicht melancholische braune Welt der Torfstiche ab. Steht man mit den Beinen noch halb in einer Kiesgrube voll eiszeitlicher Gletscherfracht, so kann man mit der Hand beinahe schon die ersten Wahrzeichen der Moorlandschaft greifen: die schlanken, weiss-schimmernden Birken. Auf den schmalen Gangsteigen geht es sich so merkwuerdig leicht in eine gaenzlich anders geartete Landschaft hinein. Der Gradboden hat es schwer sich im Sommer zu behaupten - immer wieder klaffen in die gelblich angesengte Decke schwarze Luecken, und man wundert sich, wie die hohen Foehren, die meist in Gruppen stehen, auf diesem leichten Boden Stuerme standzuhalten vermoegen. Dann wieder kommen Flaechen, auf denen das Heidekraut knietief steht, an anderen Stellen ducken sich die Latschen. An den Raendern der Wege und alten Torfstiche ranken sich Brombeerstauden, da und dort stehen Wacholderpyramiden. 

Am oestlichen Rande des Moores, in der gegen das Kaisergebirge hin weitgeoffneten Landschaft, liegt Harthausen. Das alte Dorf mit seinen stattlichen Hoefen, einem Kur-Krankenhaus, mit Gaststaetten und Pensionen ist zum schoenen, stillen Kurbereich von Bad Aibling geworden. Von Harthausen fuehrt eine geschwungene Strasse ueber den Weiler Zell durch Felder und Wiesen zum Stadtteil Ellmosen. Der aelteste Zeuge seiner Geschichte ist ein roemischer Grabstein, der 1808 von der Nordwand der Kirche entfernt und ins Nationalmuseum nach Muenchen gebracht worden ist. Ein Gipsabdruck davon kam ins Aiblinger Heimatmuseum. Die Tochter eines roemischen Edlen hatte das Grabmal mit der Bestimmung errichten lassen, dass ausser ihr und noch weiter genannten Personen niemand an dieser Stelle bestattet werden duerfe. Als *Olemos* wird Ellmosen erstmals 1300 erwaehnt. Es steht auch fest, dass, ehe im Jahr 1482 der Pfarrer der der heiligen Margareta geweihten Kirche einen Hof in Aibling erhielt, das Pfarrwidum sich in Ellmosen befand. Die Kirche ist ein spaetgotisches Bauwerk mit einem gotischen Sattelturm. In der frueheren Barockzeit wurde sie wesentlich veraendert; die Fenster wurden umgestaltet und vermehrt. Die Deckengemaelde malte der Aiblinger Boeham im spaeten 18. Jahrhundert. Das Hauptbild stellt die heilige Margarete dar. Auf dem Hochaltar steht eine Figur der Kirchenpatronin, die beiden Seitenaltaere sind der heiligen Anna und dem heiligen Isidor geweiht. Einem recht unheiligen Kerl kann manan einem Bauernhaus an der alten Hauptstrasse begegnen. Der Bursche mit dem sparsamen G'schau hat ein hartes Leben hinter sich; so muehsam halt, dass ihm die Zunge schon heraushaengt von den ungezaehlten Getreidesaecken, die er in den Speicher hinaufziehen musste. Er hat -selbst wenn er einmal haette rasten koennen- sehr viel leiden muessen. Denn wenn ein Unglueck ueber den Hof kam, eine Seuche im Stall war, ein Hagelunwetter oder gar der Blitz einschlug, musste er sich als Pruegelknabe mit der schweren Eisenkette um seinen Hals *schinden* lassen. Doch darum hatte er nicht, was schliesslich als *Daemon* seine Pflicht gewesen waere, die boesen Maechte, die das Unglueck ueber das Anwesen brachten, rechtzeitig abgeschreckt!

Als allerjuengste Kinder hat das alte Aibling 1978 auch noch die schoenen Nachbardoerfer Willing im Sueden, Mietraching im Nordwesten und Harthausen im Osten sozusagen zwangsadoptiert bekommen. Nach Harthausen fuehlt ein erholsamer Spazierweg durch die laengste Birkenallee weitum. Seit der Gemeindegebietsreform zaehlt Bad Aibling nun rund 12600 Einwohner, es ist an Flaechenausmass um das zweieinhalbfache gewachsen. Es hat mit der Mitgift der zunaechst etwas widerwillig eingemeindeten Doerfer, die ihre Selbstaendigkeit gar nicht gerne aufgeben wollten, auch seinen kulturellen Besitzstand beachtlich erweitert. Mit Mietraching -einem Dorf, das auch schon 804 urkundlich erwaehnt war, hat es die Kirche St. Veit geerbt, einen gotischen spaeter veraenderten Tuffquaderbau mit Sattelturm. Das Gotteshaus entstand im 16. Jahrhundert. Aus dieser Zeit stammt wohl auch die ornamentale Gewoelbezwickelmalerei, die sich, wie es in einer Inschrift im Altarraum heisst, *1920 unter vielen Tuenchschichten vorgefunden hat.* Bereits in fruehester Zeit besiedelt war auch Willing. Roemer, mittelalterliche Kirchenfuersten, die Schweden, denen bei ihrem Ueberfall auf Aibling 1648 auch die meisten Willinger zum Opfer fielen, napoleonische Besatzungstruppen praegten seine Geschichte. Die Willinger Kirche ist eine der ersten sakralen Bauten der Hausstaetter. Die *Maurermeister ab der Hausstatt* gingen, wie die beruehmteren Brueder Dientzenhofer, aus der alten Kulturlandschaft vorm Wendelstein hervor. Ein schoener Bauernhof dort heisst noch heute die *Hausstatt.* Eine Gedenktafel traegt die Namen: Hans Mayr, Abraham Millauer, Philipp Millauer, Hans Thaller. In Willing behielt Hans Mayr den gotischen Sattelturm der alten Kirche bei. Bemerkenswert in dem Gotteshaus sind die anmutige Rokokostuckierung, eine Kreuzigungsgruppe sowie die Figuren des Kirchenpatrons St. Jakob und des heiligen Nikolaus aus der Erbauungszeit, aber auch die aus dem 15. Jahrhundert stammende Muttergottes und ein Vortragekreuz mit dem heiligen Leonhard. Schon um 700 wurde ein Jakobskirchlein in Willing erwaehnt. Im Mittelalter war St. Jakob in Willing Raststaette auf der Pilgerstrasse nach Santiago de Compostela. 

Das kostbarste Schmuckstueck, das Bad Aibling mit der Gemeindegebietsreform zufiel, ist das zwischen Obstgaerten an einem waldigen Berghang gebettete Dorf Berbling mit der Rokokokirche Heiligenkreuz. Auf dem Wege zu ihr kommt man an der *Schmiede* vorbei. Das Wohnhaus, ueber dessen Haustuer die Jahreszahl 1714 steht, ist mit reicher Lueftlmalerei verziert. An der Frontseite sind die Heiligen Nikolaus und Katharina, der Lebensbrunnen, die Madonna und der Gekreuzigte bemerkenswert gut erhalten. Umso erstaunlicher ist dies, wenn man bedenkt, dass die farbschoenen Bilder seit ihrer Entstehung Ende des 18. Jahrhunderts noch nicht restauriert wurden. Die Kirche, von Philipp Millauer, dem dritten der *Maurermeister ab der Hausstatt* begonnen und von Hans Thaller fertig gebaut, ist ein Werk voller Anmut und Schoenheit und wird manchmal *die kleine Wies* genannt; das Aeussere faellt durch reiche Gliederung der Waende auf. Mit den nach innen geschwungenen Langhauswaenden, dem dreigeschossigen Westturm mit seiner Pilastergliederung im Oberbau, dem geschwungenen Gebaelk und der Zwiebelhaube ist dieses Gotteshaus nahe dem Wendelstein im abgelegenen kleinen Dorf immer wieder eine Ueberraschung. Der Innenraum der in der Kunstgeschichte mit einem Stern versehenen Kirche bildet den Rahmen, den Wilhelm Leibl fuer sein beruehmtes Gemaelde *Drei Frauen in der Kirche* brauchte, das er von 1878 bis 1892 dort malte. Die drei Frauen, zwei alte und eine junge, waren wohl vom Schicksal ausersehen, als getreues Spiegelbild typisch altbayerischer Weiberleute aus dem Oberland zu dienen. Sie wurden, ihnen selbst und dem ganzen damaligen Dorf voellig unverstaendlich, mit je zwei Mark am Tag dafuer bezahlt, dass sie fast vier Sommer lang in der Kirche sassen: in betender Haltung. Und sie wussten es nicht, und haetten es wohl wieder nicht begriffen, dass dann in der koeniglichen Haupt- und Residenzstadt Muenchen innerhalb von drei Tagen etwa dreitausend Menschen vor ihrem Bildnis standen: andaechtig und ergriffen wie vor einer Offenbarung. Durch dieses Gemaelde und seinen Sschoepfer haben Aibling und seine Landschaft einen Rang bekommen, der dem aeltesten Moorbad Bayerns sonst nicht so sicher gewesen waere. 

Zeittafel - von Epilinga bis Bad Aibling 

804 Am 13. Januar ging Epilinga in die Geschichte ein. Karl der Grosse liess einen Gerichtstag abhalten. 
855 war Koenig Ludwig der Deutsche, 
898 Kaiser Arnulf in Epilinga. 
927 Marienkapelle am *Hofberg* beurkundet. 
1180 Vogteirechte kamen an den Gaugrafen von Falkenstein-Neuburg.
1321 Gewaehrung besonderer Freiheiten durch Kaiser Ludwig den Bayern
1431 Bau einer Pfarrkirche an der Stelle der alten Hofkapelle.
1481 erhielt Aibling die volle Marktfreiheit.
1503 Feuersbrunst, 1564 und 1634 Pestepidemien.
1648 wurden bis auf zwei, die sich in einem Kamin versteckten, alle Maenner von den Schweden niedergemacht. 1706 wegen Beteililgung am Aufstand der Oberlaender wurde auch Aibling von den Oesterreichern besetzt
173 und 1747 wieder Brandkatastrophen. 
1755 Umbaubeginn der Pfarrkirche durch A. Millauer nach Plaenen von Johann Michael Fischer. 
1756 wurde Aibling Hauptstation der Postroute Muenchen-Innsbruck 
1794 hatte der Markt Aibling 924 Einwohner. 
1803 Landgericht Rosenheim dem Landgericht Aibling unterstellt. 
1806 *Nationalfeyer der Koenigs- und Souveraenisitaetsproklamation des Landgerichts Aibling in den Maerkten Aibling und Rosenheim.* 
1807 Landgericht Aibling aufgeloest und dem wiedererrichteten Landgericht Rosenheim angegliedert.
1811 brannten das Rentamt am Marktplatz und vier Haeuser ab.
1830 hatte Aibling 247 Familien und 1088 Einwohner.
1833 Einfuehrung einer *naechtlichen Bleuchtung* des Marktes
1845 eroeffnete der Landgerichtsarzt Dr. Desiderius Beck seine *Soolen- und Moor-Schlamm- Bad Anstalt als erstes Moorbad Bayerns.
1857 wurde die Bahnlinie Muenchen-Holzkirchen-Aibling-Rosenheim eroeffnet.
1894 Errichtung eines Elektrizitaetswerkes.
1895 wurde der Markt Aibling der Titel *Bad* zuerkannt
1896 legte der Aiblinger Buerger Martin Schwarzfischer die Birkenallee an.
1897 Eroeffnung der elektrischen Bahnlinie Aibling-Feilnbach.
1900 am 1. Oktober nahm dasKoenigliche Bezirksamt in Aibling seine Taetigkeit auf. 705 Haushaltungen, 3246 Einwohner, vier Kurhotels.
1904 Evangelische Kirche eineweiht, 3477 Einwohner
1907 Bau eines Kurhauses
1908 Heimatmuseum im Gasthaus *Bauernwirt* eroeffnet.
1931 Heimatmuseum in das ehemalige Armenhaus verlegt. 4986 Einwohner in der Stadt.
1933 Markt Aibling zur Stadt erhoben.
1940 brannte das 1765 erbaute Rathaus ab.
1947 waren es 8414 Einwohner, davon 2917 Heimatvertriebene.
1955 7340 Einwohner, 4335 Kurgaeste, 700 Fremdenbetten.
1967 wurde das neue Kurhaus eroeffnet.
1971 Wilhelm-Leibl-Realschule eingeweiht
1972 wurde der Landkreis Bad Aibling dem Grosslandkreis Rosenheim zugeordnet. 
1973 Neubau des Rathauses. 
1974 Gymnasium Bad Aibling eroeffnet. 
1975 hatte Bad Aibling 9266 Einwohner und 16 498 Kurgaeste, fuenf Sanatorien, fuenf Kurhotels und fuenf Kurheime, 35 Hotels, Gasthoefe und Pensionen, 50 Privatquartiere, insgesamt 2000 Fremdenbetten und 491914 Uebernachtungen sowie 16 Tennis- und 2 Hallenplaetze, Hallenbaeder, eine neue Freizeitanlage mit Eislaufhalle, beheiztem Freischwimmbecken und Sauna, eine Minigolf- und Freischachanlage im Kurpark.. Wichtigste Heilanzeigen sind in Bad Aibling Rheuma, Ischias, Gicht, Arthrosen, Bandscheibenschaeden, Durchblutungsstoerungen, Frauenleiden und nicht-operative Behandlung von Prostata- und Blasenleiden. 
1978 am 1. Mai, nach vollzogener Gemeindegebietsreform, hatte Bad Aibling 12617 Einwohner.

Bad Aibling - Heilbad mit kultureller Verpflichtung Hinter den Kulissen 

geschrieben 1973 von Otto Maximilian Helmuth Gastel, Redakteur und Reporter der Aiblinger Zeitung *Der Mangfallbote* sowie Bad Aiblings Programmgestalter seit 1945. Vater von Ingeborg Brigitte Gastel.

Seit dem Jahr 1967 gibt es in Bad Aibling einen festen Kurhaus-Spielplan. Das Kurhaus selbst gibt es zwar schon seit 1908, aber erst der umfassende Neu- und Erweiterungsaufbau brachte die technischen und finanziellen Voraussetzungen fuer das, was man im Theaterbetrieb einen geordneten Spielplanbetrieb nennt. Man erhoehte die Zahl der Sitzplaetze auf 800, schuf eine moderne Buehneneinrichtung mit allem Drum und Dran, zu dem auch ein versenkter Orchestergraben gehoerte -kurzum, im oberbayerischen Raum ist Bad Aibling, von Muenchen natuerlich abgesehen, in dieser Beziehung konkurrenzlos. Der Kurhaus-Umbau verschlang ueber 4.2 Millionen Mark. 

Zur Aufstellung eines Spielplans gehoert monatelange Vorarbeit. Praktisch muss ueber ein Jahr im voraus disponiert werden. Die richtige Auswahl der Stuecke, von der ja weitgehend das finanzielle Ergebis am Ende des Jahres abhaengt, ist nicht einfach. Publikumsgeschmack deckt sich nicht immer mit dem Wert eines Schauspiels. So ist man bestrebt, dort, wo es vom Stueck her gesehen an Anziehungskraft fehlt, auf einem anderen Weg auszugleichen, dem des Star- Gastspiels. Auf diesem, wenn man will, Umweg ist es gelungen, den in der Provinz vor allem fuer das Schauspiel etwas steinigen kulturellen Boden etwas aufzulockern und jenes Intersse auch in der eingesessenen Bevoelkerung zu wecken, ohne das die jetzige umfassende Art der Betreuung der Kurgaeste mit guten Theaterauffuehrungen gar nicht moeglich waere. So gelang es auch, das im Laufe eines Jahres zwangslaeufig entstehende Defizit in ertraeglichem Rahmen zu halten. Es ist vielleicht ganz nuetzlich zu wissen, dass zahlreiche Theaterauffuehrungen in Bad Aibling nur durch Uebernahme einer finanziellen Garantie von seiten der Stadt stattfinden koennen. Diese Garantien bewegen sich zwischen 5000 bis 9000 Mark je Auffuehrung. Von dieser Groessenordnung werden jeweils, wenigstens theoretisch, auch die Eintrittspreise bestimmt. Dass auch sie in den letzten Jahren in die Hoehe gingen und wohl auch nocht weiter steigen werden, ist eine unerfreuliche, aber nicht abzuwendende Begleiterscheinung. 

So ein Jahresspielplan ist jedoch nur ein fester Rahmen, der Raum fuer allerlei terminliche Verschiebungen gibt. Absagen kommen zwar sehr selten vor, aber wenn, um nur ein Beispiel herauszugreifen, Dagmar Koller mitten in einer Tournee die Aufforderung erhaelt,an einem bestimmten Tag im Wiener Ratshaus eine Auszeichnung entgegenzunehmen, so muss, der Kuenstlerin zuliebe, die fuer diesen gleichen Tag an einem Ort angesetzte Auffuehrung ausfallen, bzw. verschoben werden. Das ergibt dann meist unerfreuliche Kettenreaktionen. Immerhin hatte Bad Aibling Glueck: *Irma La Douce* brauchte nur zweimal aus derartigen Gruenden verschoben zu werden. Noch spannender wird es allerdings, wenn am definitiven Auffuehrungstag selbst, wie es in Bad Aiblng geschah, nachmittags um 16:30 Uhr von irgendwoher an der Autobahn Nuernberg-Muenchen ein Anruf ins Aiblinger Kurhaus kommt: Wir stecken seit 1 1/2 Studen wegen Schneesturm und zahlreicher Unfaelle fest, der Auffuehrungsbeginn muss moeglicherweise um eine halbe Stunde verschoben werden.* Das sind dann die Situationen, bei denen der Veranstaltungsleiter Blut zu schwitzen beginnt.

Er ist allerdings Kummer gewoehnt. Einmal - das war in den ersten Nachkriegsjahren, als das Benzin noch zugeteilt wurde und der Eisenbahnverkehr noch allerlei Zufaelligkeiten unterlag - kam eine halbe Stunde vor der restlos ausverkauften *Zigeunerbaron* Auffuehrung der telefonische Hilferuf aus Waldtrudering (Bahnstrecke Muenchen-Rosenheim) ins Kurhaus: *Ich kann nicht weiter. Die Bahn-Oberleitung ist zusammengebrochen. Wenn die Vorstellung stattfinden soll, muss man mich hier im Auto holen * Ohne die *Saffi* haette die Auffuehrung nun beim besten Willen nicht stattfinden koennen. Es fand sich ein hilfreicher Aiblinger, der auf sein Benzinkontingent suendigte und die insgesamt 60 Kilometer auf sich nahm. Man verschob den Beginn der Vorstellung vorsichtshalber um eine Stunde. Da die Saffi zudem erst gegen Ende des ersten Aktes auf die Buehne kommt, wagte man das Risiko. Zwei Minuten vor dem kritischen Augenblick hielt das Auto vor dem Buehneneingang. Die Kuensterlin hatte sich bereits im Wagen fuer den Auftritt fertig gemacht. Der Vorhang brauchte nicht vorzeitig zu fallen. Die Nervenbelastung wirkte sich dann in der Pause aus. Es gab hinter den Kulissen einen lautstarken Krach. 

Lautstark ging es vor etwa 15 Jahren auch gelegentlich bei der Auffuehrung eines Lustspiels zu, in dem drei nach Paris gekommene sowjetische Ueberwachungskommissare eine nicht unwesentliche Rolle spielten; zwei der Darsteller konnten sich offensichtlich nicht leiden. Einer von ihnen war kurz vorher zu seinem Unglueck auf die Aiblinger Volksfestwiese geraten und hatte dort zu viel *erwischt*, was sich hinterher auf der Buehne so auswirkte, dass er seinen Kommissar-Kollegen und persoenlichen Intimfeind kurzerhand mit Schwung hinter die Kulisse warf. Das Publikum war auch dann noch erheitert, als die *Prinzipalin* vor die Buehne trat, um das Benehmen des Schauspielers zu entschuldigen. Das Publikum glaubte auch dann noch, dass dies alles sozusagen zum Stueck gehoere, als der sichtlich unter Alkoholeinfluss stehende Kollege ebenfalls vor dem Vorhang erschien und das Publikum lauthals dazu aufforderte, ihm zu bestaetigen, dass der andere ein Schuft sei. Denn im russischen Milieu, so dachte das Publikum, sei so etwas immerhin moeglich. Der Arzt, den man in der Pause bemuehte, um dem Patienten eine Beruhigungsspritze zu geben, gab zu bedenken, dass man sich dann den Rest der Vorstellung schenken muesse, denn die Injektion wirke ungemein schlaffoerdernd. Nun, die Auffuehrung wurde mit heroischem Nerveneinsatz von allen Mitwirkenden zu Ende gespielt, worauch auch das im dritten Akt hinter den Kulissen weitergehende *Gerangel* mit dem nun total Betrunkenen nichts zu aendern vermochte. Im Gegenteil, als die Aufforderung des *Goetz von Berlichingen* aus dem Hintergrund lautstark in eine zart gespielte Szene hineinplatzte, gab es stuermisches Gelaechter, und auch die an diesem Abend nicht zu beneidenden Kuenstler vermochten nur muehsam ihre Fassung zu bewahren. Der Schauspieler, der diesen Theaterskandal verursachte, fand spaeter ein tragisches Ende. 

Immerhin - das Kurhaus Bad Aibling hat sich in den wenigen Jahren nach der Neueroeffnung mit seinen Theaterauffuehrungen einen Ruf zu verschaffen gewusst, der weit in die Suedostregion Oberbayerns hineinreicht. Seit 1967 waren es nicht weniger als 230 Theaterauffuehrungen der verschiedensten Art, die, das Jahr 1973 eingeschlossen, von etwa 120 000 Personen besucht waren. Rechnet man, dass etwa 25 % der Besucher dieser Auffuehrungen auf Kurgaeste entfallen (was an sich hoch gegriffen ist), dann ergibt sich, dass das Kurhaus Bad Aibling eine kulturelle Funktion erfuellt, die fuer ein grosses Gebiet von Bedeutung geworden ist. Von Juli 1967 bis zum 1. Juni des Jahres 1973 gab es 12 Opern, 20 Operetten und 6 Musical- Auffuehrungen. Das Sprechtheater (Schauspiel, Komoedie, Boulevard-Lustspiel) war, meist in Starbesetzung, 59x vertreten. Dazu kommen 47 Auffuehrungen des *Tegernseer Volkstheaters*, das sich beim Kurpublikum ungebrochener Beliebtheit erfreut.

Mindestens zwei- bis dreimal im Jahr gastiert im Kurhaus auch das Philharmonische Orchester Bad Reichenhall unter der Leitung Dr. Barths mit Symphoniekonzerten, an denen mitunter hervorragende Solisten (Kurt Boehme, Margit Schramm, Elfie Mayerhofer, Hans Kiemer, Lutz Leskovitz u.a.) mitwirkten. Aber auch die *Philharmonie Hungarica*, das Muenchner Kammerorchester und die *Camerata* Muenchen absolvierten Konzerte im Kurhaus, die haeufig sehr gut besucht waren. Ausverkauft waren Liederabende beruehmter Soloisten, wie Anneliese Rothenberger, Erika Koeth, Hermann Prey, Ingeborg Hallstein, aber auch Saenger wie Cesare Curzi und Christoph Schuppler fanden ihr Publikum. Die Zahl der Kammermusikabende ist im Spielplan der letzten Jahre mit 12 ausgewiesen, liegt aber erheblich hoeher, da manche, weil verspaetet gemeldet, nicht ins Jahresprogramm aufgenommen werden konnten. Von den 5 Kabarettvorstellungen, fuer die an sich in Bad Aibling leider kein sehr aufnahmebereiter Boden vorhanden ist, war nur diejenige der inzwischen entschlafenen *Lach- und Schiessgesellschaft* ausverkauft, und dies sogar im grossen Saal. Auch die internationalen Tanzgruppen fehlten nicht: Mit den Namen *Brasilliana*, *Black Africa*, *Ceylonesisches* und *Ukrainisches Natinalballett* verbinden sich ebenso freundliche Erinnerungen wie mit den Wiener Saengerknaben, die fast alljaehrlich ins Kurhaus kommen, und den *Oberkrainern.* Daneben gab es bunte Abende meist heiterer Art, Maerchenauffuehrungen sowie internationale Amateur-Tanzturniere. 

Man kann ohne Uebertreibung sagen, dass es im Aiblinger Kurhaus gelegentlich Auffuehrungen gab und weiterhin geben wird, um die uns auch die Muenchner beneiden. Das liegt daran, dass es fuer Tournee-Gastspiele ausserordentlich schwierig ist, in Muenchen zur geeigneten Zeit einen passenden Raum zu finden. So passiert es, dass zu den Aiblinger Auffuehrungen dann und wann auch Muenchner und Salzburger kommen. Das gilt besonders fuer die sogenannten Star- Gastspiele. Umgekehrt kommen aber auch die Ensembles sogenannter *fester Buehnen* nach Bad Aibling: Das Staatstheater am Gaertnerplatz, das Tiroler Landestheater, das Stadttheater Passau (Suedostbayerisches Stadttheater), ja sogar das Schwarze Theater Prag oder die *Wiener Burg.*