((Remarks by Ingeborg Brigitte Gastel: 
my relationship to Philipp Melanchthon = 2nd cousin 11 times removed))

Siebenbuergische Zeitung 15 April 1997
Melanchthon und Siebenbuergen
geschrieben von Konrad Guendisch


Mehr als 1500 Kilometer trennen Wittenberg, dem Hauptort seines Schaffens, von Siebenbuergen, einem seiner Wirkungsgebiete, wo sich noch heute die deutsch-evangelische Kirche auf das Augsburgische Bekenntnis beruft, das Melanchthon 1530 verfasst hat. Nur knappe 50 Kilometer liegen zwischen Bretten, wo Philipp Schwarzerdt vor 500 Jahren geboren wurde - Melanchthon ist die nach humanistischer Sitte vorgenommene Uebertragung des Familiennamens ins Griechische-, und Gundelsheim, wo der Verein *Johannes Honterus* wirkt. Dieser stellt auf Schloss Horneck das *Heimathaus Siebenbuergen* auch wissenschaftlichen Einrichtungen zur Verfuegung, die jene Kultur erforschen und sichern, auf die der Wittenberger Reformator eine so nachhaltige Wirkung hat.

Johannes Honterus und Philipp Melanchthon sind sich persoenlich nur einmal, 1535 in Wittenberg, begegnet. Gleichwohl ist ihnen vieles gemein: Beide sind als Humanisten zur Reformation gestossen, indem sie, wie Melanchthon in seiner Wittenberger Antrittsrede ueber die Universitaetsreform formulierte, *den Geist zu den Quellen lenken* wollten; beide haben die Glaubenserneuerung vorangetrieben, der eine als engster Mitstreiter Martin Luthers in Wittenberg, der andere als Reformator der Siebenbuerger Sachsen; beide sind als Reformer des Schulwesens zu Lehrern ihres Volkes geworden, Melanchthon zum *Praeceptor Germaniae* schlechthin.

Eine Durchsicht der Bibliotheksverzeichnisse des 16. Jahrhunderts, die insbesondere von Adam Dankanits und Gustav Gruendisch erstellt worden sind, zeigt, dass Melanchthons Schriften in Siebenbuergen weit verbreitet waren, ja zu den bevorzugten intellektuellen Lesestoffen dieser Zeit gehoerten. Zwanzig Melanchthoniana sind in Siebenbuergen selbst, vor allem in der Kronstaedter Offizin von Johannes Honterus, erschienen. Wie dem juengst erschienenen Katalog *alte siebenbuergische Drucke* (Schriften zur Landeskunde Siebenbuergens, Band 21) zu entnehmen ist, wird diese Zahl nur von einem zeitgenoessischen Reformator uebertroffen: Luthers Schriften wurden im 16. Jahrhundert nicht weniger als 24mal in Siebenbuergen nachgedruckt.

Melanchthon ist in Siebenbuergen zunaechst als Humanist bekannt geworden, als beruehmter Wittenberger Griechisch-Professor und Vermittler klassischer Sprachen und Literaturen: Bereits vor Beginn der Reformation in Siebenbuergen hat Johannes Honterus Melanchthon-Zitate in seine lateinische Grammatik von 1539 eingeflochten; sechs Jahre spaeter wurde in Kronstadt die von Melanchthon eingeleitete Edition der Komoedien von Terenz nachgedruckt; mehrere Auflagen seiner Grammatiken des Griechischen und des Latein sind zwischen 1556 und 1570 in Klausenburg und in Kronstadt erschienen.

*Wir lehren, dass dem Glauben die Liebe und die guten Werke folgen muessen* - diese Worte hat Melanchthon seinen Studenten mit auf den Weg gegeben. Aehnliches schrieb auch Johannes Honterus: *Was nuetzt es, einen leeren Glauben vorzuzeigen, wozu gleich die Tat notwendig ist.* Aus dieser Ueberzeugung ist Melanchthons Einfluss auf das reformatorische Geschehen in Siebenbuergen erwachsen. Das geschah *durch seine persoenliche Autoritaet, durch seine theologische Wirksamkeit, durch seinen Briefverkehr mit siebenbuergischen Reformatoren und durch seine Wirksamkeit als Lehrer an der Wittenberger Universitaet* (Ludwig Binder). Es liegt darin begruendet, dass Martin Luther (1483-1546) bereits von Alter und Krankheit geschwaecht war, als Johannes Honterus die Reformation in Kronstadt und im Burzenland einleitete und der Brettener in die Fuehrung des lutherischen Protestantismus hineinwuchs. Gewiss entsprach aber auch Melanchthons Bestreben, die Glaubenserneuerung auf friedlichem Wege, durch unermuedliche Vermittlungsversuche zwischen Protestanten und Katholiken durchzufuehren, dem Temperament der Siebenbuerger Sachsen; ebenso sein maessigender Einfluss im Streit zwischen Lutheranern und Zwinglianern, der gerade angesichts der damaligen innenpolitischen Situation in Siebenbuergen wichtig war. Nicht zuletzt haben aus Wittenberg *heimkehrende siebenbuergische* Studenten die geistige und moralische Autoritaet ihres akademischen Lehrers gefestigt und vertieft.

Die Reformation der Siebenbuerger Sachsen wurde in enger Abstimmung mit Luther und Melanchthon durchgefuehrt. Zwar ist die Annahme des Honterus-Biographen Karl Kurt Klein nicht eindeutig zu beweisen, dass die 1542 in Kronstadt eingeleitete Kirchenverbesserung *in Abhaengigkeit von Melanchthon, ja, ganz unmittelbar unter seiner Aufsicht vollzogen wurde* und *der Praeceptor Germaniae an ihr nicht nur mit dem Herzen, sondern mit helfender Tat teilgenommen* habe. Doch kann es kein Zufall sein, dass die fuer Siebenbuergen grundlegende protestantische Bekenntnisschrift, das 1543 in Kronstadt veroeffentlichte *Reformationsbuechlein* von Honterus, noch im gleichen Jahr in Wittenberg mit einem Vorwort Melanchthons nachgedruckt wird und dass dieser das Kronstaedter Werk, das ihm gefalle (mihi placuit), dem Hermannstaedter Pfarrer Matthias Ramser empfiehlt. Umgekehrt verweist Honterus in seiner *Apologie*, der gegenueber dem Weissenburger Landtag verfassten Verteidigungsschrift, ausdruecklich auf die Werke Melanchthons und auf seine Hoffnung, dass ein Generalkonzil im Konflikt zwischen Altglaeubigen und Protestanten vermitteln koennte. Auf Melanchthons Autoritaet setzt auch Ramser, der ihn 1544 bittet, den Rat von Hermannstadt zu ermahnen, wegen der Beichte, der Heiligenbilder und der Broterhebung keinen Tumult zu entfachen, sondern friedfertig zu bleiben.

1550 erklaert die Nationsuniversitaet eine Kirchenordnung fuer verbindlich, die auf der Grundlage des *Reformationsbuechleins* von Honterus erarbeitet wurde, und verhilft damit der lutherischen Lehre im Sachsenland zum Durchbruch. Die Ungarn neigen staerker dem helvetischen Bekenntnis zu. In der Auseinandersetzung mit den Anhaengern Zwinglis und Calvins gelingt es den Sachsen auf der Klausenburger Provinzialsynode von 1557, Melanchthons Abendmahlslehre durchzuseten, die einen Kompromiss zwischen lutherischen und kalvinistischem Verstaendnis bedeutet. In mehreren Briefen unterstuetzt der Wittenberger diesen Beschluss. Die Einigung ist jedoch nicht von langer Dauer, denn bald kommt es zur endgueltigen Spaltung des siebenbuergischen Protestantismus: Die Sachsen bleiben dem lutherischen Bekenntnis treu und bilden kuenftig nicht nur als Stand und Ethnie, sondern auch als Glaubensgemeinschaft eine eigenstaendige, unverwechselbare Gruppe unter den Voelkern Siebenbuergens; die Ungarn hingegen wenden sich vor allem dem Calvinismus oder dem Unitarismus zu. Nicht zuletzt auf Melanchthons Vermittlungsbemuehungen, deren oekumenischer Ansatz unverkennbar ist, duerfte der Grundsatz der religiosen Toleranz zurueckzufuehren sein, zu dem sich die siebenbuergischen Staende schon in den fuenfziger Jahren des 16. Jahrhunderts einigen. *Um die Eintracht unter den Kirchen wieder zu gewinnen* beschliessen sie, dass *jeder den Glauben behalten koennte, den er wolle, einschliesslich der neuen und alten gottesdienstlichen Gebraeuche*.

Melanchthon hat ueber seine Schueler fortgewirkt. Zu ihnen gehoerte Lukas Unglerus. Dieser hat waehrend seiner Studiums in Wittenberg und in der Folgezeit fuer seine Privatbibliothek neben drei Lutherschriften zwoelf Buecher von Melanchthon erworben, unter ihnen die *Loci communes rerum theologicarum* von 1521, die erste evangelische Dogmatik, und die *Confessio Saxonica* von 1553. Als Superintendent hat Unglerus, in enger Anlehnung an diese Schriften seines Lehrers, die in der siebenbuergisch-saechsischen Kirche gueltigen Glaubenslehren unter dem Titel *Formula pii consensus* zusammengefasst. Diese fuer den katholischen Landesfuersten Stephan Bathory bestimmte Regel von der gottgefaelligen Uebereinstimmung* gilt seither als *saechsisches Glaubensbekenntnis*, als Grundlage der *Kirche Gottes saechsischer Nation* (Ecclesia Dei nationis Saxonicae).

Die Rolle Melanchthons bei der Herausbildung der siebenbuergisch-saechsischen *Volkskirche* unterstreicht der Superintendent Matthias Hebler im Jahre 1559. In einem Brief an seinen *ehrwuerdigen Lehrer* dankt er *insbesondere dafuer, dass Ihr mit Eurem Schreiben uns selbst und unsere Gemeinden in der wahren Auffassung vom Mahl des Herren und von der Abschwoerung in der Taufe bestaetigt habt. (...) Wir werden deshalb dieses Euer heiliges Vermaechtnis in unseren Gemeinden unter Gottes Fuehrung bis ans Ende bewahren.*

Ein Jahr spaeter, am 19. April 1560, ist Melanchthon in Wittenberg gestorben. Sein *heiliges Vermaechtnis* wird von den Siebenbuerger Sachsen bis heute bewahrt.