Chronica des Hauses Pannifex 

Relatives of Ingeborg Brigitte Gastel 

verfasst und der Familie gewidmet von Michael Conrad Theodor Hug
Lahr (Baden), 1913 

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Vorwort 

Als ich im vorigen Jahr das gmeinsame Stammbuch meiner Grosseltern von Vaters Seite *Hug- Preu* herausgab, empfand ich es als eine Luecke, in der 1913 verfassten *Chronica des Hauses Hugo* bloss die Familie meines Grossvaters muetterlicherseits behandelt zu haben, und nuetzte die mir durch den Krieg auferlegte Musse, das damals Versaeumte nachzuholen. 

Ich bearbeite nun den Stammbaum und die Geschichte der Familie Pannifex, das ist. meiner Grossmutter muetterlicherseits, zur Vervollstaendigung unserer Familienchronik. 

Ueber die Abstammung unseres Ahnherrn Johannes Pannifex aus Bela in Ungarn konnte ich zunaechst nichts in Erfahrung bringen, weil der Name Pannifex unterhaupt nie dort vorkam. Weitere Nachforschungen ergaben ind essen, dass die Familie dort den deutschen Namen Tuchmacher fuehrte, was auch durch einen beglaubigten Auszug aus dem aeltesten Kirchenbuche der Jahre 1609-1674 bewiesen ist, worin sich die Geburt unseres Johannes Tuchmacher unter dem uns bekannt gewesenen Datum eingetragen findet. 

Demnach hat eben bloss dieser unser *studierter* Ahnherr, als er die Universitaet bezog, wo die Sprache der Wissenschaft das Lateinische war, den an das Handwerk seiner Vorfahren erinnernden Namen nach frueher haeufig geuebter Sitte latinisiert, waehrend andere dieses Gewschlechts sich in der Folge kurzweg Tucher nannten und zumeist ebenfalls ausgewandert sind.

Die Frage des Ursprungs unseres Familiennamens Pannifex, mit welcher sich schon unsere Voreltern vielfach, doch ergebnislos befasst hatten, ist nun nach langer Zeit endgueltig geloest. (In der Familie war die irrige Meinung verbreitet, dass der Name Pannifex aus dem lateinischen panis = Brot gebildet sei und Brotmacher=Baecker bedeute. Er schreibt sich aber mit 2 n und das lateinische Wort fuer Baecker ist pistor. 

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Indem ich diese letzte meiner Stammbaumarbeiten dem Verwandtenkreise uebergebe, will ich nicht verschweigen, dass ich mich je laenger je lieber mit denselben beschaeftigt habe und daraus lernte, die laengst Verstorbenen nicht mehr in der Vergangenheit zu suchen, sondern vorwaerts, am Ende meines Lebensweges, wo ich sie nun stehen sehe, meiner wartend. 

Moege einst aus der Zahl unserer spaetern Nachfahren sich einer finden, der meine Arbeit fortsetzt. Die aber noch mitten im Leben stehen, moegen Witschel's Dichterwort eingedenk sein: 

      Alles wechselt, alles geht vorueber, 
      Die Glocke mahnt an die Vergaenglichkeit.* 
        Deutschland Heil und Sieg! 
Lahr, im Christmond des Kriegsjahres 1915. 
                Theodor Hug 
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      Bunt, zwischen Sorgen, zwischen Lachen, 
      Verrinnt das Leben, Jahr um Jahr: 
      Und zwischen Traeumen und Erwachen 
      Zeigt's, dass es nur ein Maerchen war. 
                G. Zu Putlitz
-Seite 6- Stammtafel (nicht aufgezeichnet) 

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Die Familie Pannifex, seit 1629. 

(Pannifex: - Meine Angabe des Ursprungs dieses Namens, auf Seite 23 der Chronik des Hauses Hugo, beruhte auf einem Irrtum, weil er nicht vom lateinischen panis=Brot, sondern von pannus=Tuch abzuleiten ist, daher Pannifex-Tuchmacher (abgekuerzt *Tucher*). Vergleiche auch J.H. Zedler's Gr. Univ.=Lexicon, Band 26 (1740) und Band 45 (1745). 

Unsere Pannifex'schen Vorfahren waren in Ungarn beheimatet, als Nachkommen der um die Mitte des 12. Jahrhunderts durch Koenig Geysa II (1141-62) aus Deutschland eingefuehrten Kolonisten, die sich ihre angestammte Sprache und Wesensart, trotz schwerer Drangsale, auch in den spatern Generationen bis in die Gegenwart bewahrt haben. 

Waehrend fuer die gleichzeitig eingesetzte Einwanderung in das fruchtbare Siebenbuergen zumeist niedersaechsische Landwirte in Betracht kamen, waren es in der rauhen Zips Handel- und Gewerbetreibende aus Deutschflandern, wo schon damals die Tuch- und Leinenweberei im Hausgewerbe heimisch war.

Demnach ist Flandern als das Stammland unserer seit 1142 in Ungarn angesiedelten Voreltern anzusehen, welche den deutschen Namen Tuchmacher fuehrten, was darauf schliessen laesst, dass sie auch dieses einst angesehene Gewerbe in fruehester Zeit ausuebten und nach ihm benannt wurden. 

Erst ein spaeterer Abkoemmling dieses alten Geschlechts, welcher die akademische Laufbahn einschlug, hat, als er die Heimat verliess, seinen Namen in's Lateinische umgebildet und in der Folgezeit als unser Ahnher

I. Johannes Pannifex I. Die badische Linie begruendet. Er ward am 6. Juni 1629 zu Bela im Komitat Zips geboren (**Bela, heute Szepesbela genannt, liegt in der von Deutschen bewohnten grossen Sprachinsel innerhalb ders slovakischen Gebiets der Hohen Tatra, einer herrlichen Gegend mit ewigem Schnee, Alpenseen und zahlreichen Baedern, wo die Karpathen die Grenze zwischen Galizien bilden. Es wurde um 1242 nach dem Einfall der Alles verwuestenden Mongolen gegruendet und erhielt seinen Namen vom damaligen *hungarischen Koenig Bela IV*, welcher 1235-70 regierte. Trotz der Zunahme der Slaven zaehlt das Komitat Zips heute noch gegen 40tausend Deutsche, meist wohlhabende intelligente Leute, deren Vorfahren schon im 16. Jahrhundert in der Mehrzahl evangelisch wurden**) und am gleichen Tage auf den Namen Johannes Tuchmacher im evang. Glauben getauft. Taufzeugen waren: Adamus Schuetz, AdamusSoltz und Catharina Wanna

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Seinen ersten Unterricht erhielt er in der Heimat (*hat in patria und zu Bartfeld die studia persequiert, auch das Gymnasium zu Neusohl frequentiert*. G.=L.=A.) und studierte in Jena und Strassburg. Von da kam er im Jahre 1659 als Lehrer an die Deutsche Schule in Lahr (zum Unterschied von der Lateinschule wurde die Volksschule *Deutsche Schule* genannt. Siehe Ergaenzung, Seite 12), wo er am 26. Oktober 1681 aus dem Leben schied, nachdem er die schrecklichste Zeit in der Geschichte der Stadt - deren Pluenderung und Niederbrennung durch die Franzosen, am 15. September 1677 - noch miterlebt hatte. (Dies geschah durch Marschall Crequi, der zu gleicher Zeit auch die Lahrer Stammburg Hohen-Geroldseck in die Luft sprengte. 

Aus seiner im Kometenjahr 1661 mit Salomea Maria Zanckelin (1640-1717), einer Tochter des Schultheissen Johann Zanckel in Lahr, geschlossenen Ehe sind 1 Sohn und 3 Toechter hervorgegangen. Von letztern ist uns der Vorname der zweitgeborenen, die zwischen 1674 und 80 im Kindesalter starb, nichts bekannt, da die Kirchenbuecher im Jahr 1677 dem Feuer zum Opfer fielen und die neuen, in welchen ihr Name nicht vorkommt, erst mit 1680 beginnen. 

Die ueberlebenden Schwestern waren: 

Maria Salomea Pannifex, 1663-1737, welche anno 1688 die Frau des Buergers und Ratsfreundes Joh. Georg Heisch wurde und 5 Kindern das Leben schenkte: 

    1. Maria Catharina Heisch, geb. 16. April 1691, 
    2. Johan Georg Heisch, geb. 8. April 1693, + 
    3. Anna Sabina Heisch, geb. 12. Maerz 1695, 
    4. Johannes Heisch, geb. 17. Jan. 1698, 
    5. Anna Maria Heisch, geb. 15. April 1703. 
Anna Catharina Pannifex, 1668-1735. Sie heiratete im Jahre 1687 den Seiler und fuerstlichen Umgelter Johann Friedrich Schnitzler in Lahr und hatte 6 Kinder:
    1. Anna Catharina Schnitzler, geb. 5. Febr. 1688, 
    2. Maria Salomea Schnitzler, geb. 5. Juni 1690, 
    3. Johann Friedrich Schnitzler, geb. 9. Dez. 1693, 
    4. Johann Georg Schnitzler, geb. 15. Maerz 1697, 
    5. Anna Maria Schnitzler, geb. 12. Dez. 1703, 
    6. Johann Jacob Schnitzler, geb. 26. Feb. 1709. 
Der letztere war Rotgerber und Buergermeister. Seiner Ehe mit Sabina Dorothea Kiesel ensprossen 2 Soehne und 3 Toechter, deren aeltesten, Susanna Dorothea, geb. 1740, wir als die Gattin von Joh.Ludwig Preu,

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dem Begruender unserer Lahrer Linie Preu, im Stammbuch dieser Familie wieder begegnen. 

    Der Bruder und erstgeborene Sohn war 
II Johannes Pannifex II., 1661-1737. Nachdem er im Vaterhause und in der Lateinschule zu Lahr den Grund gelegt hatte zu seinem weitern Studium, bezog er die Universitaet Strassburg, wo er Magister wurde. 

Waehrend er in Strassburg studierte, wurde dieses am 30. Sept. 1681, mitten im Frieden, durch die Truppen Ludwigs XIV. - unterstuetzt durch seinen Parteigaenger, den Bischof Franz Egon von Fuerstenberg (er war nicht vom Donaueschinger Hauptstamm, sondern von der Heiligenberger Nebenlinie. - Und nach 233 Jahren sehen wir wieder in einem elsaessischen Kleriker, dem Abbe Wetterle, einen Verraeter an Deutschland erstehen) - besetzt und das Muenster den Protestanten genommen. Als am 25. Oktober der *allerchristlichste* Koenig seinen Einzug hielt, wurde er vom ganzen Klerus, mit dem treulosen Bischof an der Spitze, feierlich empfangen der die Worte Simeons (Lukas 2,29 und 30) an ihn richtete: *Herr, nun lassest Du Deinen Diener in Frieden fahren denn meine Augen haben den Heiland gesehen*, und der Klerus stimmte ein Te Deum laudamus an. 

Pannifex erhielt 1686 zunaechst eine Lehrerstelle am Gymnasium zu Durlach und 1687 das Diakonat und Praezeptorat in Loerrach. Im Jahre 1689 wurde er Pfarrer in Roetteln und 1709 Stadtpfarrer und Senior in Schopfheim. In seinem Visitationsbericht von 1721 erklaert er, *dass er auch mit den Delinquenten gehe, so im Ort (Gewann auf den 3 Galgen) abgetan werden*.

Er erlag im Alter von 76 Jahren einem Schlaganfall, tief betrauert von seiner Gemeinde, der er viele Jahre hindurch ein treuer Seelsorger gewesen war. 

    Pfarrer Pannifex war zweimal verheiratet: 
a. Seit 1687 mit Sybilla Elisabetha Drexelin, Tochter des Pfarrers J.C. Drexel in Emmendingen. 

b. Seit 1690 mit Augusta Maria Lorenzin, Tochter des fuerlichen Hof- und Lustgaertners Peter Lorenz von Husum in Holstein, die ihm die nachstehend verzeichneten 11 Kinder schenkte, von welchen die beiden juengsten in Schopfheim und die fruehern in Roetteln geboren sind: 

    1. Johannes Pannifex III, geb. 1693, hat sich dem Apothekerberuf gewidmet. 
    2. Christoph Pannifex, geb. 1694, bekleidete das Amt eines fuerslichen Flurvogts zu Schopfheim und erreichte bloss ein Alter von 33 Jahren. 
    3. Catharina Elisabetha Pannifex, war 1695 geboren und trat um 1715 mit Zehnteinnehmer Schenk zu Schopfheim in den Ehestand. 
    4. Augusta Maria Pannifex, 1696-1757, wurde 1728 die Gattin des Witwers Joh. Wilh. Sartorius, seit 1709 Diakon in Schopfheim, seit 1739 Pfarrer in Kirchen, und starb dort nach 28jaehriger Ehehaltung. 
    5. Friedrich Bernhard Pannifex, geb. 1699, wird 1720 als Scribent erwaehnt. 
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    6. Johann Jacob Pannifex, geb. 1700 (in diesem Jahre wurde der Gregorianische Kalender auch von den evangelischen Staenden des deutschen Reichs allgemein angenommen, nachdem sie sich seit 1582 dagegen gestraeubt hatten, weil die neue Datierung vom Papst Gregor XIII angeordnet war. Fuer die frueheren Daten gilt also noch die alte Julianische, von Julius Caesar 46 v.Chr. eingefuehrte Zeitrechnung, welche um 11 Tage zuruecklag.), studierte in Strassburg und wurde Magister der Theologie und Philosophie. Er starb 1784, unverheiratet, bei seinem Bruder Georg Friedrich, dem damaligen Altbuergermeister von Lahr. Dort wollte er seinen Lebensabend beschliessen, nachdem er ueber 60 Jahre als praeceptor domesticus (Hauslehrer) in Strassburg gewirkt hatte. 
    7. Gottfried Pannifex, 1702-1764, bildete sich in Stuttgart zum Gaertner aus und betrieb spaeter dieses Gewerbe in groesserm Umfange in Lahr, wo er ledig verschied. 
    8. August Wilhelm Pannifex, geb. 1704 in Roetteln, war Faktor des Eisenbergwerks bei Wehr und seit 1737 mit der Tochter Catharina des Statthalters Tobias Groether (wuerde wohl heute *Stabhalter Tobias Grether* heissen) von da verheiratet. 2 Kinder
        1. Maria Magdalena Verena Pannifex, geb. 1743, 
        2. Jacob Friedrich Pannifex, geb. 1745. 
III. 9. Georg Friedrich Pannifex I., 1707-1787, ergriff als erster in der Familie die kaufmaennische Laufbahn und erhielt seine Ausbildung in Lahr, dem Geburtsort seines Vaters, wo Handel und Gewerbe einen vielversprechenden Aufschwung genommen hatten.

Er gruendete hier in der Folgezeit eine Spezerei- und Kurzwaren-Handlung mit Gross- und Kleinverkauf und genoss ein hohes Ansehen unter seinen Mitbuergern, welchen er von 1753 bis 67 als Buergermeister vorstand. Als solcher wurde er anno 1760 nach Biebrich deputiert, um dem Nassauischen Erbprinzen im Namen der Stadt 100 Louisdor Hochzeitsgeschenk zu ueberbringen, und erhielt von ihm zum Andenken einen stark vergoldeten silbernen Becher. 

Seiner im Jahre 1736 mit der Witwe Maria Elisabetha Baum, geb. Kiefer, geschlossenen Ehe entstammen 5 Kinder:

    1. Augusta Maria Pannifex, geb. 19. Dezember 1736, 
    2. Maria Elisabetha Pannifex, geb. 29. Juni 1738, gest. 1744, 
IV. 3. Georg Friedrich Pannifex II, geb. 22. April 1741, gest. 1827. Ueber diesen, unsern Stammvater, werden wir in einem besondern Abschnitt berichten (Seite 13). 
    4. Wilhelmina Juliana Pannifex, 1744-1796, seit 1768 die Gattin des Pfarrers Simon FriedrichStahl in Schallbach, starb in Wittlingen. 
    5. Catharina Salomea Pannifex, geb. 27. January 1748,
10. Margaretha Salomea Pannnifex, geb. 1709 in Schopfheim, war 1736 mit Forstadjunkt Johann Christian Schweickhardt daselbst verheiratet und starb im 40. Lebensjahre. Ihre 5 Kinder sind da geboren: 

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    1. Anna Sybilla Schweickhardt, 1738-1804, ehelichte 1771 den Pfarrer Philipp August Eisenlohr ih Brombach und starb in Loerrach. 2 Kinder:
      Augusta Friedericke Eisenlohr, geb. 2. Maerz 1772, und 
      Philipp August Eisenlohr, geb. 3. Januar 1774. 
    2. Johann Christoph Lorenz Schweickhardt, geb. 24. Feb. 1741, 
    3. Johann Christian Schweickhardt, geb. 22. Oct. 1743, 1 Sohn
    4. Catharina Elisa Schweickhardt, geb. 18. Feb. 1746, 
    5. Carl Wilhelm Schweickhardt, geb. 1. Mai 1748. 
11. Johann Wilhelm Pannifex, war badischer Oberamtsregistrator in Loerrach, zuletzt Burgvogt der Markgrafschaft Hochberg, und schied 1783 aus dem Leben. 

Seine Witwe, Sophie Caroline, geb. Hartmann, starb 1814 in Emmendingen, 68 Jahre alt. 

Ihre in Loerrach geborenen 4 Kinder sind: 

1. Sophia Catharina Pannifex, geb. 27. Aug. 1768, 
. Wilhelmina Augusta Pannifex, geb. 16. Feb. 1770, 
3. Wilhelm Ludwig Pannifex, geb. 16. Feb. 1772, gest. 1860 in Paris, Frankreich, und 
4. Ernst August Pannifex, geb. 7. April 1775. 

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        Johannes Pannifex I. 
(Ergaenzung zu Seite 8) 

Die Kirchenvisitations-Akten von 1667 u. 1673 im G.-L.-A. berichten:

Als um die Pfingsten 1659 ein sehr tuechtiger Lehrer fuer die Deutsche Schule in Lahr, Johannes Pannifex, angestellt wurde, findet er kein Schulhaus vor, weil es durch Lindwurm's, des gewesenen Schulmeisters Liederlichkeit abgebrannt war. Man haelt jetzt Schul im Spital, nahe am Dinglinger Thor. 

Pannifex ist mit allerley feinen, besonders guten Theologischen Buechern versehen und ist beides, ein guter Vocalis und Instrumentalis Musiculs; in der Kirchen schlaegt der die Orgell, sowohl wenn man figuraliter als auch choraliter singt, mit maenniglich contento und begnuegen. Ist ein wenig auslaeufisch, aber er versaumpt darum nie in der Schuhl, die Kinder lernen wohl bey ihm, denn er ist fleissig und eufferig bey ihnen; -wissen nichts Ungebuehrliches von ihm zu sagen. 

Er beklagt sich, dass der Pfarrer zwar visitirt, aber dem Lehrer nichts sage, wenn etwas nicht recht ist, dagegen ihn beim Junker verklage. Pfarrer Caroli sagt, er thue es, damit er ihn in mehrer Forcht und Fleiss erhalte.

Im Winter 1762/73 hat er ueber 100 Schulkinder gehabt, anjetzo in Sommerszeit noch bey 80, beyderlei, Knaben und Meydlin zusammen. Welche faehig, kommen nicht allein im lesen und schreiben, sondern auch im chatechismo, fragstuecklein, spruechen und Gebetten fein forth; massen Ew. Pannifex ein gar gutes Donum informandi (Unterrichtsgabe) hat. 

Im Jahre 1661 verehelichte sich Pannifex mit Salomea Maria Zanckel, des Schultheissen zu Lohr Tochter, hatte 1673 einen Sohn, so bereits die Orgell schlagen kann, auch 3 Toechter. Er starb den 26. Oktober 1681, als langjaehriger Schulmeister allhier ehrlich begraben*. (Wiederholt aus *Chronik des Hauses Hugo*). 

Sein Schwiegervater, der 40 Jahre im Amt gewesene Altbuergermeister Johann Zanckel starb 1691, 78 Jahre alt, in Schiltach, wohin er mit vielen Andern vor den im Jahr zuvor wieder pluendernd und mordbrennend in Lahr eingefallenen franzoesischen Horden gefluechtet war. 

Diesmal war es die Armee des General von Melac (der Name Melac lebte noch ueber ein Jahrhundertlang als Hundename im Volksmund fort), die seit 1686 eine grosse Anzahl Staedte in der Pfalz verwuestet und auf Befehl Ludwigs XIV, auch das Schloss Heidelberg zerstoert hatte. 

Da die Kirchengeraete in Lahr von den Franzosen geraubt wurden, stiftete des Obigen Witwe, Catharina Zanckel, eine zinnerne Abendmahlkanne in die Stiftskirche, welche um 1790 noch in Gebrauch war. 

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        Georg Friedrich Pannifex II*
und seine Nachkommen.

(*Er war der letzte unserer Vorfahren, der nach damaliger Sitte noch den Zopf getragen, welchen er sich am 17. Oktober 1794 abschneiden liess Und fast genau 121 Jahre spaeter wurden seiner UrUrUrenkelin HertaSievert, einer Grosstochter des Verfassers, von ruchloser Hand beide Zoepfe abgeschnitten.) 

Als einziger Sohn war er zum Kaufmann und Geschaeftsnachfolger seines Vaters bestimmt. Nach Beendigung seiner Lehre im elterlichen Hause kamn er zur weiteren Ausbildung fuer einige Jahre nach London, wo er sich tuechtige Kenntnisse aneignete. Nach seiner Heimkehr vermaehlte er sich im November 1771 mit der erst 17 jaehrigen Tochter Maria Dorothea (geb. 1754, gest. 1806 - ihre juengere Schwester, Sophia Magdalena Griesbach, wurde 17777 die Frau des Apothekers Andreas Dr. Duvernoy in Kandern und der aeltere Bruder war der Rotgerber Johann Friedrich Griesbach (1753-1818) in Lahr.) des Gerbers und Buergermeisters Caspar Griesbach in Lahr und der Magdalena Sophia, geb. Vetter, und uebernahm das Haus und Geschaeft seines Vaters. 

Gleich diesem nahm er regen Anteil am oeffentlichen Leben der Gemeinde, in welcher damals ein unruhiger Geist der Zwietracht und des Widerspruchs gegen die Regierung eingekehrt war. Als aufgeklaerter und besonnener Mann stand er auf der Seite der gemaessigten und ordnungsliebenden Partei, die aber der Uebermacht der erhitzten Koepfe und leidenschaftlichen Wortfuehrer unterlag. 

Wegen angeblicher Beschraenkung des der Stadt durch den alten Freiheitsbrief der Geroldsecker Stammherrschaft von anno 1377 verliehenen Wahlrechts kam es im Jahr 1772 zu dem unuruehmlichen Lahrer Prozess beim Reichskammergericht in Wetzlar gegen die Nassauische Regierung (Lahr gehoerte seit 1527 - mit Unterbrechungen durch badischen Besitz - dem Hause Nassau), welchem im Laufe der Jahre noch weitere Prozesse sowie Gegenklagen der Herrschaft folgten. 

Diese Periode ist ein dunkler Flecken in der Geschichte und dem Charakterbild unserer Stadtgemeinde und musste auch deren glaenzende Seite fuer laengere Zeit verduestern. 

Der Streit endigte erst, mit einer Einbusse von 150tausend Gulden fuer das Gemeindevermoegen, als die Stadt im Jahr 1803 an das vereinigte Haus Baden ueberging. Dessen starke und zielbewusste Regierung hatte es den sich zur Alleinherrschaft aufgeschwungenen Maennern unmoeglich gemacht, den Unfug weiter zu treiben und die bessern Elemente, und mit ihnen die Ordnung, gewannen wieder die Oberhand in der Gemeinde. 

Den 2. Januar 1804 wurde Pannifex zusammen mit Tabakfabrikant Johann Jacob Hugo zu Buergermeistern von Lahr gewaehlt, das bei der im Jahre zuvor veranstalteten Volkszaehlung 4753 Einwohner hatte.

Nachdem die im November 1806 von Napoleon gegen England verhaengte Kontinentalsperre (mit dem Zusammenbruch der Napoleon'schen Macht fiel auch das Kontinentalsystem. Im gegenwaertigen Weltkriege beobachtet England ein aehnliches Verfahren gegen Deutschland und seine Verbuendeten, das auch mit dem Zusammenbruch seines Urhebers endigen moege) im Jahr 1810 durch ungewoehnlich hohe Zoelle auf Kolonialwaren und sogar durch die verfuegte Beschlagnahme und Verbrennung aller 

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englischen Waren verschaerft worden war, entschloss sich Pannifex, das Geschaeft aufzugeben, zumal er seit vier Jahren Witwer und ihm auch sein aeltester Sohn gestorben war. 

Unsere Stammeltern Pannifex-Griesbacherfreuten sich einer zahlreichen Nachkommenschaft. Von ihren 12 Kindern sind einige jung -darunter 4 bald nach der Geburt- gestorben; die ueberlebenden waren:

    1. Georg Friedrich Pannifex III, geb. 1. Mai 1776. Er wurde Fritz genannt und war zur Lehre im Geschaeft seines Vaters, das er zu uebernehmen bestimmt war, dann zur weitern Ausbildung in Fontaines bei Neuchatel, wo ein allzufrueher Tod seiner Lebensbestimmung ein Ziel setzte.

    2. Dorothea Pannifex , 1778-1807, heiratete 1795 den Kaufmann Johann Gottlieb Morstadt, welcher Witwer und in erster Ehe mit Sophia Christina Preu in Lahr vermaehlt war, die ihm 3 Kinder geschenkt hatte. (Siehe die Familie Preu).

Aus seiner zweiten Ehe sind 2 Soehne hervorgegangen: 
      1. Friedrich Albert Morstadt, geb. 16. April 1796, 
      2. Carl Eduard Morstadt, geb. 9. Sept. 1803. 
    3. Elisabetha Pannifex, 1779-1862, wurde 1800 die Gattin des Kaufmanns Jacob Philipp Wentz in Pforzheim und starb als Witwe in Lahr. 2 Kinder
      1. Adolf Wentz, geb. 1803 in Pforzheim, war Kaufmann und Fabrikant in Paris und mit einer Franzoesin aus Havre verheiratet. 3 Toechter:
        Marie, Emma und Louise Wentz. 
      2. Elisabeth (genannt Lisette) Wentz, 1806-1846, ehelichte den Tabakfabrikanten Carl Ludwig Hugo in Lahr und wurde dadurch die Schwaegerin ihrer Tante Friedericke Hugo-Pannifex (siehe Chronik des Hauses Hugo, Seite 20). 1 Sohn und 3 Toechter.
        Camilla, Blanca, Oscar und Mathilde Hugo.
    4. Wilhelmine Pannifex, 1784-1785. 

    5. Caroline Pannifex, 1786-1838, schloss 1802 die Ehe mit Handelsmann Johann Christian Meurer in Lahr und hatte 5 Kinder: 

      1. Caroline Meurer, 1803-1822, ehelichte den Forstrat C. Arnsberger in Forbach. Ihr einziger SohnAlexander ist jung nach Amerika ausgewandert. 
      2. Johann Christian Meurer, 1805-1851, war Kaufmann und verheiratet mit der Tochter Wilhelmine des Bierbrauers Friedrich Stulz in Lahr (spaeter Preu', jetzt Zahler'sche Brauerei). 1Sohn und 2 Toechter: 
        Wilhelmine, Julie und Mina Meurer.
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      3. Sophie Meurer, 1806-1897, ledig in Lahr. 
      4. Amalie Meurer, 1808-1864, heiratete den Kaufmann Ferdinand Bader in Lahr. 1 Sohn und eine Tochter: 
        Ferdinand und Caroline Bader. 
      5. Henriette (genannt Jettchen) Meurer, 1810-1894, ledig in Lahr. 
    6. Friedericke Pannifex, 1789-1863, ging 1809 mit Tabakfabrikant Michael Hugo in Lahr die erste Ehe ein (siehe Chronicles des Hauses Hugo, Seite 19). Sie sind die Grosseltern des Verfassers und hatten 6 Kinder:
      1. Marie Hugo, 1810-1891, verheiratet mit Amtsarzt Dr. Karl Friedrich Jamm, welcher in erster Ehe mit Friedericke Luise Hugo, der Schwester seines nunmehrigen Schwiegervaters, vermaehlt war und 2 Soehne hatte. 
        Aus zweiter Ehe 1 Tochter: Marie Jamm.
      2. Fanny Hugo, 1811-1856, verheiratet mit Rentner Johann Mezger in Lahr. 1 Sohn und 2 Toechter: 
        Babette, Hans und Emilie Mezger. 
      3. Elisa Hugo, 1813-1887, verheiratet mit Apotheker Andreas Muench in Kork. 1 Sohn und 1 Tochter:
        Frieda und Carl Muench
      4. Alexander Hugo, 1819-1869, war Offizier und starb als Major a.D. ledig in Lahr. 
      5. Pauline Frieda Hugo, 1824-1909, verheiratet mit Kaufmann Theodor Conrad Hug in Lahr. 2 Soehne und 1 Tochter:
        Michael Conrad Theodor, Pauline Frieda und Hermann Hug.
      6. Hippolyt Hugo, 1827-1887, Tabakfabrikant, verheiratet mit Elise Fingado in Lahr. 1 Sohn und 4 Toechter: 
        Max, Amelie, Fanny, Anna und Clara Hugo. 
      Ueber diese 6 Linien und deren Nachkommen gibt die *Chronik des Hauses Hugo* (Seite 25-27) naehern Aufschluss. 
V. 7. Wilhelm Panifex, 1791-1833, vermaehlte sich 1818 mit Charlotte Luise Trampler, 1800- 1855, einer Tochter des Fabrikanten Christian Trampler und der Christiane Charlotte geb. Deimling, und wurde Teilhaber der Firma C. Trampler, Cichorienfabrik in Lahr. ( Die Trampler'sche Sommerresidenz war der *Spierlinsrain*, heutiger Besitz der Frau Ernst Maurer.) Ihrer Ehe entstammen 5 Kinder:
      1. Clara Emilie, geb. 1819, wurde nur 4 Jahre alt. 
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      2. Luise Pannifex, 1821-1880, war mit dem Gymnasialprofessor Otto Eisenlohr in Lahr vermaehlt und hatte 3 Soehne und 1 Tochter:
        Carl, Julie, Heinrich und Otto Eisenlohr. 
VI. 3. Carl Maximilian Pannifex, geb. 1823, wanderte nach Australien aus, war Kaufmann in Sidney und mit Josephine ... vermaehlt. 1 Tochter und 2 Soehne, von welchen der juengere, Max, frueh starb. Der aeltere, Hermann, war verheiratet und hatte 3 Kinder. - Spaetere Nachrichten fehlen. 
    4. Carl Theodor, geb. 1824, starb als Student in Heidelberg. 
    5. Julie Pannifex, 1827-1857, ehelichte den pract. Arzt Dr. Carl Seng in Lahr. 1 Sohn und 3 Toechter: 
        Alfred, Maria, Johanna und Elisabeth Seng. 
8. Charlotte Pannifex, 1793-1861 war 2x verheiratet: 
    a. Seit 1811 mit Handelsmann Ludwig Koch in Lahr, 
    b. Seit 1827 mit Brauereibesitzer Jacob Schadt in Lahr. 
      Der Sohn erster Ehe: 
        Bruno Koch, 1816-1871, war Kaufmann in Rio de Janeiro und unvermaehlt. Auf einer Reise nach der Heimat ereilte ihn der Tod auf dem Schiffe und seine Leiche wurde ins Meer versenkt. 
      Die Tochter zweiter Ehe: 
        Emilie Schadt, 1828-1871, wurde die Gattin des Professors and spaetern Dekans Friedrich Wilhelm Wagner in Lahr (1817-1879), gebuertig aus Rastatt. 2 Soehne und 1 Tochter: 
          Richard, Paul und Aline Wagner. 
Da die juengste Generation der Pannifex'schen Linien in diesem Buche nicht mehr aufgefuehrt ist, bleibt es den einzelnen Familien ueberlassen, ihre Eintraege auf den dazu bestimmten leeren Seiten nachzuholen. 

Die Familie Pannifex ist unseres Wissens in Deutschland im Mannesstamm ausgestorben, wie eben nichts auf Erden Bestand hat. Auch der schoenste Stammbaum kommt auf den absteigenden Ast, wenn ihm die noetige Lebensnahrung fehlt. 

-Seite 17- 

Aus dem Tagebuch unseres Urgrossvaters. (Nachtrag zu Seite 13

Es umfasst die Zeit von 1741 bis 1815 und ist mir erst nach Erscheinen dieser Chronik zugaenglich geworden. 

Die politischen Aufzeichnungen (sie sind auch zum Teil in meiner *Chronik der Stadt Lahr, 1215- 1915* enthalten, welche seit 1916 im Manuskript fertig ist, jedoch aus naheliegenden Gruenden wie Krieg, Revolution und ungeheure Teurung bis heute -1920- nicht gedruckt werden konnte) will ich, als nicht in den Rahmen eines Familienbuches gehoerend, ausserachtlassen. Ueber die Geburt seiner zahlreichen Kinder, von welchen fast die Haelfte fruehzeitig starb, geht der Schreiber ziemlich kurz hinweg. Dagegen gibt er im einzelnen an, dass er seit seiner Verheiratung 36x Pate gewesen sei, seine Frau 30x und seine Kinder bis 1815 18x; Haussteuern haben sie etwa 90x gegeben. Den Bestand seines Weinkellers stellt er jedes Jahr fest, und es betraegt derselbe selten unter 1000 Ohm (1 Ohm = 150 Liter), woraus man schliessen darf, dass er auch einen lebhaften Weinhandel trieb. In Lahr und Umgebung wurde damals noch viel Wein gebaut, was sich aber spaeter nicht mehr verlohnte.

Interessant ist die Schilderung der grossen Reisen, die er in seiner Jugend unternahm. Schon die Kaufherren des 18. Jahrhunderts hielten sehr darauf, ihre Soehne zur weiteren Ausbildung ins Ausland zu schicken, mehr als dies heute geschieht, wo einem das Reisen so leicht gemacht wird. 

So kam Pannifex im Jahre 1759 als Achtzehnjaehriger in eine Pension in der Schweiz, um sich in der franzoesischen Sprache zu vervollkommen; - auf deren Kenntnis wurde hier immer viel Wert gelegt, was auf den regen Grenzverkehr mit Strassburg und Frankreich ueberhaupt zurueckzufuehren ist. 

Nach seiner Heimkehr nahm er einen Reiseposten mit einem Jahresgehalt von 200 Gulden (1 Gulden = 1 M 71 S) bei der Tabakfirma C.F. Schilling in Strassburg an und blieb dort bis 1762. Seine erste Reise machte er ueber Passau auf der Donau nach Wien und zurueck durch Ungarn und Boehmen; sie dauerte 5 Monate und kostete 470 Gulden. Seine Tabakverkaeufe beliefen sich auf 346 Zentner, welches Ergebnis sein Haus zu befriedigen schien, da er mit einer Gratifikation von 50 Louisdor (1 Louisdor = 11 Gulden) belohnt wurde. 

Seine zweite, aehnliche Reise fuehrte ihn im folgenden Jahre bis Ofen=Pest und ueber Triest und Venedit durch Tirol zurueck; diese erforderte 7 1/2 Monate und an Spesen 726 Gulden. Die vielen Staedte, die er besuchte, gaben ihm reichlich Stoff zur Niederschrift seiner Reiseeindruecke und Erlebnisse. Da der Postwagenverkehr (Dilligence) noch nicht ueberall eingefuehrt war, musste er oft, mit dem schweren ledernen Mantelsack bepackt, groessere Strecken zu Fuss zuruecklegen, wenn er unterwegs keine Gelegenheit zum mitfahren fand. 

Die naechsten Jahre brachte er in Lahr zu und suchte sich im vaeterlichen Geschaefte nuetzlich zu machen. Im Jahre 1767 unternahm er eine ausgedehnte Studienreise nach Holland, England und Frankreich, welche 11 Wochen dauerte und nicht mehr als 440 Gulden kostete. 

-page18-

Dann ging er nach England in Stellung, von wo er im Jahre 1771 zurueckkehrte, um bald darauf einen eigenen Hausstand zu gruenden, was wir in der Dichtung seiner Enkelin so huebsch beschrieben finden (siehe Anhang). Die Hochzeit fand am 13. November statt, mit einem Essen in der *Blume*, woran 81 Personen teilnahmen; die Braut brachte ihm eine Morgengabe von 100 Louisdor zu.

Seinen Kindern liess er eine sorgfaeltige Erziehung angedeihen und schickte auch seine Soehne, die beide die Handlung erlernt hatten, auf Reisen. Vom aeltesten, Georg Friedrich, schreibt er, dass er sich im April 1794 in die Schweiz begeben habe, im Tausch gegen Francois Villamier von Fontaine, welcher zwei Jahre im Hause Pannifex blieb; - solcher Austausch der Kinder war frueher in den besseren Familien allgemein ueblich. Er fuegt aber die Bemerkung hinzu, dass Fritz, von einigen kurzen Besuchen abgesehen, nicht mehr nach Hause zurueckgekehrt sei. Aus spaeteren Nachrichten geht hervor, dass sich derselbe als Kaufmann in Paris niedergelassen hat, wo er auch wahrscheinlich unverheiratet und noch vor seinem Vater gestorben ist, da in dessen Testament keine Erwaehnung von ihm geschieht. Meine Angabe auf Seite 14 von seinem in der Schweiz erfolgten fruehen Tod beruht demnach auf einer falschen Ueberlieferung in der Familie, doch hat immer ein gewisses Dunkel ueber seiner Person geschwebt. 

Aus den Jahren 1813-14 waere noch zu berichten, dass die Stadt Lahr mit starker Einquartierung belegt wurde. Das Haus Pannifex hatte vom 18. Novemver bis 31. Januar 107 Offiziere und Unteroffiziere, sowie 124 gemeine Soldaten in voller Verpflegung. Es waren oesterreichische Truppen verschiedener Nationalitaet, welche sich zum Teil recht brutal benahmen; - so wurde der Urgrossvater einmal von einem galizischen Hauptmann in solcher Wut taetlich misshandelt, dass er glaubte, seine letzte Stunde sei gekommen. 

Mit dem Jahr 1815 schliesst das Tagebuch.

-Seite 19- 

          G.F. Pannifex=Griesbach. 
(Siehe Seite 13 und Anhang.) 

Nachstehendes Bild zeigt unseren Urgrossvater im Todesjahr (1806) seiner ihm in 35 jaehrig gluecklicher Ehe verbunden gewesenen Hausfrau Dorothea geb. Griesbach, von welcher uns leider kein Bild erhalten blieb. 

Ist es doch des Alters bestes Labsal, wie von hoher Warte 
Rueckzuschaun in's ferne Ehemals - ) der Greis ist nie allein! 

                  Scheffel 
            Aus alter Zeit. 
Die Familie Griesbach, welcher unsere Urgrossmutter Pannifex entstammte, war um die Wende des 17. Jahrhunderts von Strassburg eingewandert, wo sie schon der Gerberzunft angehoert hatte. Als erstem wurde dem Rotgerber Daniel Griesbach anno 1705 das Buergerrecht in Lahr verliehen.

Er siedelte sich inmitten der Stadt am Schutterkanal an, der von zahlreichen Gerbereien und Faerbereien umsaeumt war. Das Geschaeft vererbte sich nach altem Brauche von Vater auf Sohn und blieb so ueber hundert Jahre in der Familie. Das gleiche war auch bei der Schoenfaerberfamilie Zanckel der Fall, aus welcher sich unser Ahnherr Johannes Pannifex I, der weither aus fremden Lande gekommene Lehrer und Kantor, seine Lebensgefaehrtin geholt hatte. 

Die beiden Zuenfte zaehlten zu den angesehensten und wohlhabendsten damaliger Zeit und hatten der Stadt eine Reihe von Ratsherren und Buergermeistern geliefert, darunter manchen Zanckel und Griesbach. Das ewig rollende Rad der Zeit ist auch ueber diese Familie hinweggegangen, -sie sind beide hier ausgestorben. 

(Lahr: -Als die Linie Geroldseck-Lahr 1426 erlosch, kam die Stadt im Erbgange an die Grafen von Moers-Saarwenden, dann 15227 an das Haus Nassau, welches sie von 1658 bis 1727 an Baden verpfaendet hatte, und gehoert seit 1803 dem Lande Baden an). 

-Seite 20- 

Das Pannifex'sche Wohn- und Geschaeftshaus und der *Dinglinger Thorthurm*. 

Beim Dinglinger Torturm (er wurde im Volksmunde auch der *Hexenturm* genannt - siehe Anhang auf Seite 27) zu Lahr stand das Geburtshaus unseres Urgrossvaters Pannifex-Griesbach, das auch die Staette seiner erfolgreichen Arbeit und eines schoenen Familienlebens war. Es war die gute alte Zeit, wo man noch mit groesserer Behaglichkeit durchs Leben schreiten konnte und das wilde Hasten und Treiben von heute nicht kannte. 

Im Jahre 1817 verkaufte Pannifex sein Anwesen dem Kaufmann C.F. Rauch Sohn, welcher darin eine Kurz- und Wollwarenh;andlung gruendete, die spaeter sein Schwiegersohn Moritz Unger uebernahm und sich jetzt noch im Besitz der Familie befindet. 

Herr Rauch liess auf dem hinter seinem Grundstueck gelegenen, von ihm dazu erworbenen Teil der Brauerei zum Lamm ein groesseres Magazingebaeude mit Stallungen erstellen und dieses spaeter durch einen Zwischenbau mit dem Wohnhause verbinden sowie nach Entfernung der Reste der alten Stadtmauer und des Grabens einen Ziergarten anlegen. 

Nach einem mehrjaehrigen Prozess Rauch's mit der Stadtgemeinde, welcher unter dem Namen *Dinglinger-Torturm-Prozess* bekannt ist, wurde der baufaellig gewordene Turm mit einem Kostenaufwand von 2500 Gulden repariert, aber schon nach kaum sechs Jahren (1839) abgebrochen. Dadurch ist Rauchs Wunsch doch noch erfuellt und zugleich der Eingang zur Dinglinger Vorstadt (heutige Kaiserstrasse) freigelegt worden. 

-Seite 21- 

Lahr's Handel und Industrie im 18. Und 19. Jahrhundert.

Die ersten Versuche im auswaertigen Handel reichen in's Jahr 1700 zurueck und schon um 1712 konnten schwerbeladene Frachtwagen mit Hanf, Garn und selbstverfertigtem Segeltuch, Leinwand und gefaerbtem Zwilch bis Basel und Frankfurt fahren. Anno 1730 versahen die Lahrer Sattler die oesterreichischen Besatzungen in Freiburg und Breisach mit ihren Areiten und zu gleicher Zeit besuchten die Strumpfwirker alle Jahrmaerkte in weiter Umgebung. 

Das erste groessere Handelsunternehmen schufen Schneider, Lotzbeck & Co. Im Jahre 1767 in Segeltuchen, wovon sie bedeutende Mengen in's Ausland verschickten. 

Vom Jahr 1770 an machte sich der Kolonialwarenhandel von Strassburg unabhaengig und bezog seien Bedarf groesstenteils aus erster Hand. Gleichzeitig gewann auch der hiesige Weinhandel an Ausdehnung und wurde bald von ueberlegender Bedeutung, besonders in franoesischen Rotweinen, welche durch die meist noch berittenen Lahrer Reisenden (Musterreiter) bis nach den deutschen Kuestenstaedten verkauft wurden. Von den damals entstandenen Weinhandlungen ist die Firma Wilh. Langsdorff bis auf den heutigen Tag im Besitz der Familie geblieben und hat sich ihr altes Ansehen bewahrt. 

In groessern Fabrikunternehmen machte Carl Ludwig Lotzbeck 1774 den Anfang durch Gruendung einer Schnupftabakfabrik, der noch heute bestehenden Firma Lotzbeck Gebrueder, welcher Autenrieth & Hugo 1781 eine zweite folgen liessen, die 1785 den Namen Hugo Gebrueder annahm. (Siehe Chronik des Hauses Hugo, Seite 22) Wegen verschaerfter Mauth- und Zollschranken errichteten Lotzbeck 1811 eine Zweigfabrik in Augsburg und Hugo 1849 eine solche in Basel. 

Der seit fast 100 Jahren in Braunschweig eingebuergerte Anbau der Cichorienwurzel und deren Verarbeitung zu Kaffeesurogat wurde 1798 durch C. Trampler nach Lahr verpflanzt. Das rasche Emporbluehen dieser Cichorienfabrik bestimmte schon im Jahr 1807 Daniel Voelcker und 1810 die Tabakfirma Hugo Gebrueder zur Gruendung aehnlicher Fabriken (letztere in Heiligenzell), welche sich alle einer ausgeehnten Kundschaft in Deutschland, dem Elsass und der Schweiz erfreuten. 

In der Folgezeit kamen noch neue Unternehmunten, u.a. der Cartonnagen-, Leder, Rosshaar-, Zigarren- und graphischen Industrie hinzu, deren Erzeugnisse im In- und Auslande, auch ueber Seem guten Absatz finden. So begann 1816 der Buchbinder C.F. Dreyspring als erster mit der in Paris erlernten Anfertigung aller Arten von Cartonnagen und ist der Gruender der zu Weltruf gelangten Fabrik seines Namens und dieses hier heimisch gewordenen Indsutriezweigs.

Nach dem Bau der Eisenbahnen um die Mitte des 19. Jahrhunderts, welcher die Interessen des dann abseits vom Verkehr liegenden Lahr vollstaendig unberuecksichtigt liess, gingen dessen Grosshandel staetig zurueck und auch der Industrie blieben die Bedingungen fuer eine groessere Weiterentwicklung gegenueber andern, guenstiger gelegenen Staedten versagt. Doch konnte Lahr, Dank der Ruehrigkeit der Unternehmer und der Tuechtigkeit ihrer Arbeiter, seinen guten Ruf als Fabrikstadt im Weltverkehr behaupten. 

-Seite 22- 

Die Stadt Lahr im 15. Jahrhundert 

Die alte Tiefburg Lare war im Besitz der Herren von Geroldseck, welche sie 1275 zur Stadt erhoben. (Siehe Chronik des Hauses Hugo, Seite 39) Ihre Reste wurden 1780 abgebrochen, gis auf den mit einem Dach versehenen Turm in der Mitte, den heute noch stehenden *Storchenturm*. 

Das heutige Lahr, im Hintergrund die Burgruine Hohengeroldseck. 

-Seite 22a- 

Die Stadt Szepesbela (frueher Bela, siehe Seite 7) im Tatra-Tal. 

Schon ein Jahrhundert vor der nach dem Mongoleneinfall erfolgten Gruendung der Stadt (1242) bestrand da eine deutsche Ansiedlung, welche nach ihrem Schutzpatron Valentin (siehe obiges Stadtwappen) den Namen Valentsdorf fuehrte und deren geordnetes Gemeinwesen bereits 1164 ruehmlich erwaehnt wird. Als die ungarische Zips nach dem ungluecklich verlaufenen Weltkriege von der neugeschaffenen Tschecho-Slovakischen Republik in Besitz genommen wurde (1919), erhielt die urspruenglich rein deutsche Stadt den Namen Spizska-Bela.

Anmerkung: In nachester Naehe der Stadt liegt der ihr gehoerende Villen- und Luftkurort Barlangliget (Hoehlenhain), nach der im Jahre 1881 entdeckten grossen und einzigen Tropfsteinhoehle der hohen Tatra bekannt. Sie hat die Form einer Elipse, bei einer Ausdehnung von 3200 meter, und wird allmaehlich von zahlreichen Touristen aus ganz Europa besucht.

-Seite 23- 

          Anhang.
      Wie der Grossvater die Grossmutter nahm* 
Von E.W. 

-Seite 23a- 

          Nachruf. 
Am 3. Juli 1916 starb im 68. Lebensjahre unsere Anverwandte, die Witfrau Janka Greb geborene Tuchmacher zu Szepesbela, als lethe ihres Hauses. Ihr kaum der Schule entwachsene Sohn, sowie ihr einziger Bruder Jakob Tuchmacher waren ihr schon vor langem im Tode vorangegangen, Sie vermachte ihr ganes Vermoegen im Werte von 30000 Kronen der dortigen evangelischen Kirche, hat auch fuer einen Theologen wie fuer die Armen gesorgt und sich dadurch ein dankbares Andenken in der Gemeinde erworben. 
          Sie ruhe in Frieden! 
Mit der Entschlafenen ist das alte Geschlecht der Tuchmacher in Ungarn, aus welchem vor nun bald 300 Jahren unser Ahnherr Johannes Tuchmacher, der Gruender der Familie Pannifex in Lahr, hervorging, dem Namen nach erloschen. 

Nur wenige kennen alle Geschicke ihrer Altvordern oder koennen sagen, von wannen sie kamen oder wohin sie zogen auf ihrer Wanderung. Die Jahrhunderte reihen sich aneinander, die Fremde wird zur Heimat und aus der alten Heimat klingt kaum noch leise Kunde zu uns herueber. 

Deshalb ist es gut, durch die Familienchronik das Gedaechtnis unserer Vorfahren, die doch in unserm Blute fortleben, auch bei den nachfolgenden Generationen wach zu erhalten, besonders in dieser boesen Zeit, wo ein schrankenloser Materialismus alle Ideale und das Gefuehlsleben im Menschen zu ertoeten droht. Und diese wurzeln nicht zuletzt auch in der Achtung und Pflege des Stammbaumes der Familie, deren Wappenschild rein bleiben und alle Stuerme ueberdauern soll. 

Nun zum Geleit noch ein zeitgemaesses prophetisches Schillerwort, das jedem Deutschen ein Leitstern und zugleich ein Troester sei in der heutigen Not und Schmach, und das einst zur Wahrheit werde, wie damals vor hundert Jahren: 

Erduldet's! Lasst die Rechnung der Tyrannen 
Anwachsen, bis ein Tag die allgemeine 
Und die besondre Schuld auf einmal zahlt. 
Bezaehme jeder die gerechte Wut 
Und spare fuer das Ganze seine Rache. 

          (Aus *Wilhelm Tell* 1804)
2. Ergaenzungsblatt, 
            1920 Der Verfasser 
Zu Seite 8 (oben) ist berichtigend nachzutragen, dass unser Ahnherr Johannes Pannifex I nach Beendigung seiner Studien in Strassburg zunaechst in Moempelgard, dem heutigen Montbeliard - damals wuerttembergischer Besitz in Burgund - eine Anstellung fand. Erst von dort kam er 1659 nach Lahr und hat hier 22 Jahre als Lehrer im Segen gewirkt. 

-Seite 25-

            Pannifex
      *Wie der Vater die Grossmutter nahm*. (Aus Familienerinnerungen)
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Dichtung von Emilie Wagner, geborene Schadt, 

zum 24. Februar 1864. 

            1771.
abgedruckt mit Erlaubnis ihrer Tochter, Frau Stadtpfarrer Schmitthenner, Witwe, geborene Wagner, in Heidelberg. 
          Vater, Mutter und Sohn. 
Hinter dem Laden im traulichen Stuebchen des Abends der Hausherr 
Sass im gepolsterten Stuhl, den kuenstliches Schnitzwerk verzieret; 
Muede er lehnet sich an, des stattlichen Zopfes nicht achtend, 
Den nach Sitte der Zeit er auch trug mit Baendern umwunden. 
Vor ihm stand auf dem Tisch, im bildergeschmuecketen Kruge, 
Des Burggraben Gewaechs, das ihm drunten im Keller ablagert. 
Perlend-golden im Glase, sich freut er des koestlichen Trankes, 
Dampfte behaglich dabei des Pfeifchens wohlduftende Fuellung. 
Traulich neben ihm sass die des Strickstrumpfes waltende Gattin, 
Deren gepudertes Haar birgt silbergesticket das Kaeppchen; 
Schwaerzliches Band es umsaeumet, den flimmernden Schmuck zu erhoehn, und 
Ueber dem Nacken verschlungen, dort endet's in zierlicher Schleife. 
Wohl stand der Guten dabei des farbigen Mieders Umhuellung, 
Der von gebluemten Kattun nur bis zu der Schulter heranreicht 
Und um den Hals ihr geschmiegt, liess Raum noch dem schneeingen Tuche. 
Sinnend sass sie schon lang, doch endlich begann sie die Rede: 
*Vaeterchen, bin ich so froh, weil wieder Georg nun daheim ist, 
Dass des Geschaeftes Betrieb nun nich mehr allein auf dir lastet. 
Froher koennen wir sein, dass unverdorben er heim kam, 
Sittig und fromm, wie er ging, die Heimath er wieder begruesste; 
Blieb doch lange er fort auf meerumwogeter Insel, 
Wo er in London erlernet des Handels Gang in die Ferne. 
Hat sich die Koffer gefuellt mit Kleidern und Stoffen, gar feinen, 
Dass fuer sein Lebtag er braucht beim Roth sich nichts mehr zu holen. 
Wo nur die Zeit all' er fand, die vielerlei Buecher zu lesen, 
Wozu im Hause kein Schrank ihm gross g'nug oder bequem ist, 
Dass wir zum Christfest ihn wohl mit einem glasthuernen beschenken.* 
*'s pressiert noch gar nicht so sehr*, fiel ein ihr der wuerdige Vater, 
*'s geht wie ein Rad dir vom Munde, wenn du in sein Loben hineinkoemmst; 
Sehen doch will ich zuerst, ob ferner er sorgt des Geschaeftes, 
Wie bis heut' er gethan, trotz seinem belesenen Wesen. 
Schuster, bleib bei dem Leist, ein Kaufmann ist kein Gelehrter, 
Was er auch sinnet und denket, dabei muss er sehen den Nutzen 
Und in dem Buechergezeug steht nichts da von Sollen und Haben, 
Wirrwar nur ohne Ende, von Philosophen ersonnen. 
Dennoch schelt ich ihn nicht, dass gern in den Buechern er lieset, 
Wenn das Geschaeft ihm doch stets das Erste ist und auch das Letzte
 

-Seite 26- 

's steckt ihm wohl in dem Blut, denn vom Grossvater in Schopfheim, 
Dem Pfarrhern, hat wohl er geerbet die Lieb zu den Buechern.* 
*Wie du nur zweifeln auch magst*, fiel ein ihm die zaertliche Mutter, 
*Hast du doch immer gesehn wie des Hauses Geschaeft ihm gar anliegt;
Findet dann Muse er noch, so geht er mit seinem Gelese 
Eiligst zum Hexenthrum hin, wo Niemand sicher ihn stoeret 
Und bei dem Zeugs, das er lieset, ist ja auch das Hoechste und Beste. 
Denn als ich juengst ihn geholet, da schnelle du seiner bedurftest, 
Hatt' er die Bibel zur Hand, die reich ist am Schmucke der Bilder 
Und die gar lieblich und treu die heil'gen Geschichten uns schildern, 
Auch als beim Oewffnen der Kiste ich mancherlei drinnen mir ansah, 
kam so ein Buch mir zur Handn, das voll von kuriosem Geschnoerkel. 
Waren es Bilder da d'rin oder Worte, dies konnt ich nicht wissen. 
Fragte darueber ihn, da sagte er lachend: *glaub es gar wohl dir, 
Dass dies du niht verstehst, denn es ist das Gebet des Erloesers, 
Welches darinnen geschrieben in hundert und zwanzig der Sprachen*. 
Mehr sprach ich dann noch mit ihm von hohen und goettlichen Sachen, 
Hoerte gar freudig ihm zu, wie sehr er darinnen zu Haus ist, 
Dass man kann lernen von ihm auch des biblischen Wortes Bedeutung, 
Geht er allsonntaeglich nicht auch zweimal zur Kirche und verlanget 
Weder nach Spiel noch nach Tanz, denn ernst ist sein Sinnen und Wandeln. 
Dankbar muessen wir sein fuer Gottes gnaedige Fuehrung, 
Dass er so unser Gebet zum Heile des Kindes erhoerte. 
Ist jetzt nicht drauss in der Welt oft fuer Fromme gar viele Versuchung, 
Legt doch das Wort man sich aus nach dem eignen Vernuenfteln und Meinen 
Wie wenn die Sonnenuhr sollt nach der in der Stube sich richten. - 
Denn was der Heiland gethan, um die Welt on der Suend zu erloesen, 
Mit dem Verstand sie zerlegen, wie sie sich den Apfel verschneiden, 
Meinen, der Ewige im Himmel, wenn etwa sein Rathschluss voll Weisheit 
Greift in das Rad des Gewohnten, sollt' Geschichte der Natur erst erlenen, 
(Denn es duenkt sie unmoeglich, dass seien Geboten sie diene) 
Auch uns're Weisesten niht sie tief in der Wurzel versteh'n, selbst 
Wie die Blume entsteht und das Lueftchen drum weht, sie nicht wissen, 
Und der dies alles regieret, den baenden der Erde Gesetze? 
Was er hier unten erschuf, er dazu uns schenkt das Erkennen, 
Einsicht, Geist und Verstand, uns Alles das klar zu benennen, 
Doch ist's die hoechste Vernunft fuer ihn dort im Glauben zu brennen. 
Darum den Juengling ich preise, der diesen sich kindlich bewahrt hat, 
Preis auch die Eltern mir; thut nicht auch er, was wir nur wuenschen, 
Eilt stets hurtig hinaus, um den Gang mir liebend zu sparen, 
Spielet mit dir oft nach Tisch dein vielbeliebetes Dauses. 
Stattlich ist er fuerwahr und gar wohl steht ihm Zopf und Gewandung; 
Diese nach neustem Schnitte ist ja noch in England gefertigt. 
Merk' auch im Laden gar wohl, wie die Maedchen gern schonen der Maegde, 
Faden und Baendel sich selbst oft zu holen sie gar nicht verdriesset, 
Freundlich dann spricht er mit Allen, doch hat er an keiner Gefallen. 
Waer nicht des Authenrieders Kind, die so brave begueterte Tochter, 
Gar so passend fuer ihn, und ich weiss, sie wuenscht's mit den Eltern. 
Doch da kommt er ja selbst, nun nicht mehr laenger gezaudert, 
D'rueber ein ernstliches Wort mit ihm nun zu reden in Liebe.* 
Zustimmt freudig der Vater, da trat nun gerade der Sohn ein 
Und mit gebuehrendem Gruss er sich setzt zu den sorgenden Eltern, 
Gleich auch die anderen Gruesse der Vettern und Basen besorgte, 
Wo beim Lichtgang bis jetzt er hatte den Abend vertaendelt. 
*Du kommst gerade gar recht*, sprach laechelnd zu ihm dann der Vater: 
*Muetterchen jetzt in den Wurf, sie moechte dich gerne verkuppeln; 
Wohl waere mir auch erwuenschet, die brave begueterte Tochter, 
Dass du dann naehmst das Geschaeft, wir zoegen in's obere Stuebchen,

-Seite 27- 

Denn wir moechten gar gerne des Alters Ruh noch geniessen, 
Eh' sie dem Kirchhof zu in dem bretternen Haeuschen uns tragen.* 
Und die Mutter dann sprach: *O Sohn mach uns doch die Freude, 
Bring' doch die Braut bald in's Haus, gross ist ja die Auswahl der Maedchen; 
Riskierst nirgend den Korb, denn wohl sind bei dir sie versorget, 
Da du als einziger Sohn dann bekoemmst das Geschaeft und die Wohnung.* 
D'rauf sprach freundlich der Sohn, als fertig die draengende Mutter: 
*Liebe Eltern, lasst doch erst warm auch zu Hause mich werden, 
Eh' ein solch ernstliches Band ich schon schlinge voreilig fuer's Leben.
Lieben und ehren will ich Euch immerfort beide getreulich 
Und auch dem Vater so gerne noch mehr der Geschaefte erleichtern; 
Das Heirathen nur ueberlasst dem hoeheren, goettlichen Walten. - 
Wohl merk' ich's, warum man heut' mich zum Lichtgang geladen, 
Haette verkuppelt mich gerne an eines der dortigen Maedchen, 
Doch nicht bei Scherzen und Spielen und nicht durch Reden und Draengen, 
Wird solch' Gefuehl mir erwecket, es knickt schon unter dem Hauche, 
Nicht die Gattin mir waehl ich, die wohl fuer's Geschaeft zuerst passet, 
Denn vor Allem muss sie mir des Herzens Liebe erwecken.
Tief in mir wohnt auch der Glaube, dass sie mir gezeigt wird von oben, 
Die mich in Freud wie in Leid soll liebend durchs Leben begleiten, 
Schlaegt mir einstens die Stunde, ihr werdet's in Baelde erfahren, 
Geht heute froehlich zu Bett; gut Nacht, wuensch Euch ich gar herzlich.*

        Der Hexenthurm. 
Nah' bei dem alten Gebaeu, Dinglinger Thorthurm benennet, 
Wo von der Zeiten Verlauf und des Lebens Schmerzen und Wonnen
Kuenden die schlagende Uhr und der Klang der ehernen Glocken, 
War an belebter Strasse des Kaufmanns Wohnung gelegen, 
Die rundfenstrig und alt, doch wohnlich und voll war von Wohlstand - 
Trat man zur Seite heraus, so lag dort charotisch gemenget
Scherben und Unrath in Menge im alten vertrockneten Graben. 
(Dient nur noch eiligen Maegden, die heimlich den Gruempel hinbringen) 
Voll bald war die Vertiefung, doch raethisch nicht bliebs dort zu wandeln, 
Weil vielfuessig Gethier gar behaglich darauf sich ergoetzte, 
Dass fuer zwei Fuesse den Pfad, der gar reinlich am Hause hinablief, 
Man sich am besten erwaehlt, bis er beim Garten dann endigt, 
Der an das Haus sich schloss an, mit Blumen und Fruechten erfreuend. 
Heute auch richtet die Schritte der Sohn des Hauses dahin und 
Hatte das Buch in der Hand, ein Stuendchen der Muse zu widmen. 
Stieg den Thurm dann hinauf, der oben den Garten begraenzte 
Und der verwittert und alt, gar spukhaft im Mund ist der Leute. 
Wer gar des abends noch spaet vorbei muss, den Grabenweg ehen, 
O, der befluegelt die Schritte, damit ihn nicht einer erwische, 
Der in dem alten Gemaeuer soll rumpelnd und jammernd noch umgeh'n; 
Und es wusste der Sohn, dass viele den Spuk jetzt noch fuerchten, 
Deshalb ging oft er dahin, dem dummen Gerede zu wehren, 
Hat Tischchen und Stuhl sich verbracht nach dem oberen Schauloch, 
Das auf den Grabenweg ging, den maechtige Nussbaeum beschatten. 
Hier nun liess er sich nieder, doch wollt's mit dem Lesen nicht gehen, 
Gar wohl er merkte aus Manchem, wie halb ihm die Eltern nun zuernten, 
Dass er ihr Wuenschen bis heute um Werbung noch nicht erfuellt hat.
Auch ist Hochzeit da drueben im Haus des befreundeten Nachbars, 
Dazu der Vater heut ging, als Zeuge zum Fest geladen, 
Legte verstimmt an den Staat, weisseidene Struempfe und Weste, 
Hosen nur bis an die Knie und den Rock, der noch drueber hinabfaellt, 
Schnuert sich die Schnallen der Schuhe, den dreieckigen Hut bringt die Mutter, 
Sagt noch im Fortgeh'n zu ihm: *Wann wirst du solch' ein Fest uns bereiten?" 
Dies Wort klang tief nach, in dem Herzen des liebenden Sohnes. 

-Seite 28- 

Sinnend, er hatte nicht acht des schweren Buchs in der Bruestung, 
Raschelnd fiel es hinunter des Nussbaums Zweige bewegend, 
Das mit lautem Gekrach die Geister dort unten erwachen 
Und den Verweg'nen zur Rache mit heimlichem Zauber umspinnen. 
Als er hinaus trat zur Tuer und nach dem Verlorenen suchte, 
Kam er so schnell nicht dazu, - ein Maedchen, ihn noch nicht bekannt, im 
Schmucke der strahlenden Jugend, vom Laufe, dem schnellen, geroethet, 
Deren anmuth'ge Gestalt die aufflatternde Kleidung umwallet, 
Eilt ihm erschrocken entgegen, die Schuerze mit Nuessen gefuellet, 
Denn als sie darnach sich bueckend, beim Thurm, dem verrufnen, vorbei kam, 
Hoert sie herunter was rasseln, das schwer sie von hinten dann packt; 
Sie sah sich, entsetzt, nicht um und enteilt der gefaehrlichen Stelle. 
Lachend trat gleich zu ihr, sie gar freundlich beruhigend, der Schuldige, 
Holt auch das Buch gleich herbei, das schwer von Gewicht wohl konnt' schrecken, 
Half der Erschrockenen gerne die Nuesse zusammen zu suchen, 
Fragte sie theilnehmend auch, ob ihr ja kein Schaden geblieben. 
Sah ihr dabei wohl in's Auge im jugendlich rosigen Antlitz, 
Sah, wie anmuthig ihr stand nun der Mienen gar lieblich Bewegen, 
Hoert' aus dem freundlichen Munde vernuenftige Rede und Antwort. 
Laenger doch schickt es sich nicht, hier mit ihr noch weiter zu plaudern, 
Muessiger Basen Geschwaetz war damals zu fuerchten, wie heute. 
Freundlich im Fortgeh'n er bittet, sie moege sich davor nicht fuerchten, 
Wieder zu kommen hierher, - er schrecke gewiss sie nicht wieder. - 
Und sie sagte nicht *Nein* dem im Herzen noch schwerer Getroff'nen, 
Der darinnen nun trug das Bild des lieblichen Maedchens. - 
Nieder bald sank nun der Abend mit purpurn flammenden Gluthen, 
Blendete wohl des Betrachtenden Augen; denn heute kein Schlaf sich 
Nahte dem Lager des Juenglings; - im Dunkeln ein Licht ihm doch aufging.

        Das Gestaendnis. 
Als mit gar goldenem Glanze der Tag dann das Dunkel besiegt, des 
Morgens gruesste die Eltern der Sohn bei dem dampfenden Fruehmahl, 
Koestlich der Kaffee duftet; gar gelb sind der Rahm und die Bretzeln 
Und die Mutter dann waltet des Trankes gehoriger Mischung. 
Doch als die Eltern schon hatten der Tassen gleich beide geleeret, 
War von dem Sohn kaum beruehret, der Trank ihm sonst so erwuenschet. 
Als dies die Mutter bemerkt, stellt er nun die Frage als Antwort: 
*Wisset, ihr Eltern, es wohl, wem sind denn die Nussbaeum' am Graben? 
Hab' ich doch gestern gesehen, wei man dort die Fruechte geschwungen.* 
*Sie sind dem Buergermeister, dem Griesbach, dort an der Schutter*, 
Sagte ihm eilig darauf die etwas ahnende Mutter, 
*Hat erst neulich der Rath den Genuss ihm verliehen zum Amtsrecht,* 
*Und welch' ein Maedchen mag's sein, die helfend auch Nuesse mit aufhob?* 
Fragte dann weiter der Sohn, dem die Mutter gar freudig erwiedert, 
*Dorothe wird es wohl sein, des Griesbachs bescheidene Tochter; 
Sie soll so gut sein wie schoen und zur haeuslichen Arbeit gewoehnet; 
Ihr Grossmuetterchen ist Frau Vetterliln Witwe des Pfarrers, 
Die mit gar frommen Sinn der geliebten Enkelin pflegte. 
Wohl ist sie jung, doch gar bald wird ihr sich melden der Freier*. 
*Dieser er ist schon da*, sprach aufstehend, bebenden Wortes 
Der im Herzen Bewegte und fuhr dann weiter zu sprechen: 
*Zufall nicht war's, dass ich fand, die ich einst eigen moecht' nennen, 
Fuegung von hoeherer Hand, lehrt nun mich die Liebe auch kennen. 
Wie oft der Blume Pracht ein einziger Strahl nur entfaltet, 
So hat sich der Liebe Macht mir selig im Herzen gewaltet, 
Offenbarend sich mir, das Her zu der Holden sich kehret, 
Sorgt nun, ihr Lieben, dass bald Euch wird die Tochter bescheeret.

-Seite 30- 

Einmal nur wird sich bei mir des Herzens Bluethe erschliessen, 
Wird sie, die Holde, nicht mein, nie duerft' ihr die Tochter begruessen.* 
*HoHa, so rasch es nicht geht*, sprach d'rauf der geruehrte Vater, 
*Ist auch die Wahl gar erwuenscht, 's Spruechwort sagt: Eile mit Weile, 
Bitten jetzt musst' du vorerst den Hausfreund Brehmer dadrueben, 
Dass er sich steck' in den Staat und dem Griesbach die Werbung bestelle, 
Dazu ist schicklich der Sonntag, der Morgen gerade ja eintrifft. 
Geh' nun hinueber zu ihm, bitt' darum, von uns ihn begruessend.* 
Zum Freund eilt nun befluegelten Schrittes, der Juengling, erroethend, 
Bittet er ihn, dass die Werbung der Liebsten er moege bestellen, 
Dieser mit freundlichem Wunsche sich gerne bereit dazu anschickt, 
Koemmt dann denAbend herueber zu reden noch ueber die Sache, 
Dass von der Mitgift Belang er das Naehere sicher auch wisse. 
Doch ist der Juengling gar bald zum Schlaf ihren Worten entronnen; 
Lang duenkt heut ihn die Nacht bis heiter der Morgen hereinbrach. 

        Die Werbung. 
Ueber die Stadt und der Flur schwebt heilige Stille des Sonntags, 
Der mit gar goldenem Scheine die Feiernden heute begruesste. 
Festlich erklingen die Glocken, sie laden die Beter zur Kirche. 
Einer doch bleibet zu Hause, der sonst ihrem Rufe gern folgte; 
Denn der Gedanken Gewog ihm brauset nun ueber die Seele, 
Die nun des heutigen Tages so doppelt Bedeuten erreget. 
Glockengelaeute verklingend, sie ziehet nach himmlischen Hoehen, 
Wo sie betend durchhauchet des Geistes heiliges Wehen, 
fuellend das glaeubige Herz mit reinem und goettlichem Frieden, 
Da es vertrauend sich stillt, wie's ihm auch der Hoechste beschieden; 
Drum konnt' ruhig er sehen als bald heut die Kirche geendet, 
Den Freiwerber vorbei geh'n am Hause, gar stattlich gewandet. 
Doch klopft lauter das Herz ihm, als er ihn wieder ersah mit 
Einem gar frohen Gesicht, darinnen das ja lag von Ferne. 
Wie zog er schnell ihn in's Haus und hoerte der freudigen Rede. 
Dass gar hoeflich geehrt, der Erkorenen Eltern gesprochen 
Wie sie ihm oefters gesagt, dass der Hochzitter bald moege kommen; 
Nichts mehr wollt' er dann hoeren, denn anlag nun ihm die Sorge, 
Ob auch Zopf und Gewandung gehoerig ihm stuenden, und bittet, 
Eh' er enteilt, noch die Eltern, ihn segend jetzt zu geleiten. - 
Als dann gar feierlich ernst in das Haus der Erwaehlten er eintrat, 
Kamen die Eltern sogleich ihn gar freundlich begruessend entgegen, 
Doch war die Braut nicht zu sehen, die er ja so sicher erwartet. 
Als er darum sie dann bat, zum Fenster naus rief dann die Mutter: 
*Dortili, komm' joglich ruf* und sprach dann zum Freier gewendet: 
*Nichts noch sie weiss vom Verspruch und hascht mit den Maedchen da unten.* 
Rosig vom froehlichen Spiel kam gleich die Gewuenschte herauf, doch 
Sah nur die Mutter allein, fragt artig nach ihrem Begehren, 
Diese nicht saeumig ihr sagt: *Din Hochzitter, Dortili, isch des*, 
fuehrt dann dem Maedchen ihn zu, den eben sie hatte bemerkt, da 
Trat sie verlegen zurueck und versuchte erroethend ein Knixchen, 
Doch er eilte ihr nach, sich beglueckende Antwort zu holen. 
Sie sah schuechtern hinan und erblickt ihn, den Retter aus Aengsten; 
Leuchtend ihr brach's aus den Augen, dass gerne sie so ihn erkannte. 
Doch die Mutter dann rief: *Kind, geh' noch ein wenig hinunter, 
Wenn wir so Manches beredt, wirst wieder von uns du gerufen.* - 
Dann der Enteilenden nach zur Thuere gleich folget der Juengling, 
Holt sich im willigen Kuss gar suesses Verheissen zum Abschied. 

-Seite 31- 

        Stamm-Wappen 
der Familien Hug=Preu und Hugo=Pannifex

Aus Michael Conrad Theodor Hug's Familienbuechern: 

*Stammbuch der Hugen und Preuen,* 
*Chronik des Hauses Hugo,* 
und *Die Familie Pannifex.* 

Lahr, (Baden), 1913-15. 

Copyright 1995-2003 Brigitte Gastel Lloyd