Ausschnitt aus dem Buch *Stammbaum der Familie Siemens*
von Sigfrid von Weiher, Muenchen 1985


DER NAME SIEMENS UND DAS SIEMENS-WAPPEN

Cascorby (,,Die deutschen Famliennamen", 3. Auflage, Halle 1908) führt den Namen Simens auf doppelten Stamm zurück:

l. Auf SIGU, got. sigis, ahd. sigu, mhd. sige, nhd. sieg, das mit ,,man" verbunden Sigman, Si-man, Simen, mit ,,mund" zusammen Sige-mund, Si-mund, Simond, im Genetiv Sig-mundis, Si-mondis, Simons, Simens ergibt. Daneben steht in verkürzter Form Simo, Sime, mit angefügtem n Simon. Daraus entstehen im Genetiv Simes, Simens, Simensen = Si mens Sohn.

2. Auf SIM, SCHIM-on, das als Name des Apostels Simon Petrus in den Formen Simon, Genetiv Simonis, Simons, Simens, Simonson oder Simensen auch bei Christen Verbreitung gefunden hat.

Gleich der erste Vertreter des Namens in Goslar: Henning, heißt Symons und Simens, und in der Folge finden sich Sime, Simo, Simon, Siman, im Genetiv Simes, Simmes, Simons, Simens, Simans, im Plural Simenne, Simens, Simmen. Dazu wechselt willkürlich i und y, Simens und Symens, s und ß, Simon und Szimen. Gleiches findet sich überall: in Braun schweig gehören Hans Simon, Heinrich Symons, Simens, Simans, Hans Simans, Simon, Georg Simen, Hans, Georg, Curt Symons alle einer Familie an (Wolfenbütteler Archiv). In der Braunschweigischen Chronik 1488, ist Hans Siman und Simens dieselbe Person. In Eldagsen ist Albert Simens, Symons, Simans mit Hermann Simen von gleicher Sippschaft (1421-66). In Walsrode gehören die Simenne (1497), Simmen (1457) und Henning Szimen zusammen (Hannoversches Staatsarchiv). 

In Goslar wurde der Name Simens in der Familie erst nach 1600 fest; die Form Siemens begann erst am Ausgang des siebzehnten Jahrhunderts gebraeuchlich zu werden. Aber außer diesem Wandel und Wechsel in der Schreibweise des Namens steht der Feststellung der Familienzusammengehoerigkeit noch die größere Schwierigkeit entgegen, daß der Volksmund, auch nachdem schon die festen Familiennamen da waren, eigensinnig daran festhielt, daß z. B. ,,Bendix Simens" des Simon Sohn und ebenso ,,Simon Benedix:" des Benedict Sohn war. Noch um 1550 wird in amtlichen Büchern Benedict Symens ,,Simen Bendix" genannt, ebenso wird Tile Simens ,,Tile Benedittes" genannt, weil er eines Bendix Simens Sohn war. Noch mehr verwirrt es, wenn ins dritte Glied hinein z. B. ,,Merten Benditz, alias Simens" als ein Martin, Benedicts Sohn, von der Sippe der Simens bezeichnet wird, dagegen ,,Albrecht und Simen Simens, alias Eilers:" gar keine Simens, sondern Eilers sind.

So ist die größte Vorsicht bei der Nachforschung nach dem Zusammenhange der aeltesten Familie Siemens in Goslar geboten.

Das Stadtarchiv Goslar bewahrte zwei Siegel des Großkaemmerers Benedictus Simens (A 25) von 1556 und 1561, von denen das eine in Frevel abgeschnitten, das andere durch Wärme verschmolzen ist.

Ananias (I) und seine Söhne Tile (5) und Peter (6) scheinen kein Siegelwappen geführt zu haben; da sie Ackerbürger und gebildete Handwerker waren, ist das auch gar nicht zu erwarten. Es hat sich auch nicht feststellen lassen, ob sie, wie andere Gildemeister, eigene Hausmarken gehabt haben. Denn das Siegelzeichen Peters (6), dem wir von 1619 ab mehrfach begegnen (?), ist wohl nur einfach als Geschäftszeichen aufzufassen, dessen er sich als Brenner und Olmüller bediente.

Erst Peters Sohn Hans (13), der sich von Handwerk und Gilde losgemacht hatte und von Anfang an dem Patriziat der Stadt zugezählt wurde, tritt mit einem eigentlichen Siegelwappen hervor Es zeigt im Schilde eine in Kraut stehende Wurzel und rechts und links davon unten einen Stern; zwischen den oberhalb des Helmes nach auswaerts gebogenen Hörnern steht noch einmal auf der Spitze senkrecht nach oben gerichtet dieselbe Wurzel. Das Wappen findet sich auf einer Schuldurkunde vom Palmensonntag 1670. Von Hans stammt auch der Wahlspruch der Familie: Ora et labora, den er 1693 neben seinen Namen in die Tür seines Hauses schnitzen ließ.

Nach der im Stammbaum 1829 niedergelegten Überlieferung soll das Siemens-Wappen eine Petersilienwurzel vorstellen. Das sollte eine Erinnerung an einen Starnmvater Peter und seine Frau Silke sein. Da aber ein solches Ehepaar nicht existiert hat, ist die Erklärung hinfällig. Eher annehmbar wäre die Vorstellung, daß mit der Petersilie auf den vom Vater fabrizierten ,,Peterzillienwein" (Peter-Simen-Wein) hingewiesen würde, was aber doch auch der Wahrscheinlichkeit entbehrt, weil die Wurzel und das Kraut im Wappen weit von der Petersilie und ihrer Wurzel abweichen. Nach einer Vermutung von Hölscher könnte in dem Bilde eine Rübe gegeben sein, aus der das Rüböl gewonnen wird, als Hinweis auf das alte Siemenssche Gewerbe der Ölmüllerei. Dem entspricht, daß Dr med. Henning Johann (44) im Gegensatz zu den Brüdern seines Vaters, die die Ölmüllerei betrieben, nicht die Wurri:el im Wappen führte, sondern einen verästelten Stengel mit fünf Blüten.

Eine sehr phantasievolle Deutung des Siemens-Wappens hatte Otto (440) gegeben. Er leitet den Namen Siemens von den Semanen ab, die nach Guido v. List bei den alten Germanen den Lehrstand, also die Richter, Verwalter, Weisen und Lehrer, gebildet haben. (Tacitus hat sie unrichtig als Semnonen bezeichnet und als eigenen Volksstarnm aufgefaßt.). V. List zerlegt nun das Wort Semanen in Se -manen = Sonnen-Männen. Hiermit stimmt es aber zusammen, daß Otto (440), als er in unserem Familienwappen nach versteckten Runen suchte, darin sehr deutlich zwei Hagal- oder Sonnenzeichen und die Mann-Rune fand: So deckt sich also das Wappen mit dem Namen. Daß die Mann-Rune auch auf dem Helm steht, also zweimal vorhanden ist, soll die Erblichkeit andeuten: Vom Vater auf den Sohn. Auch das drückt sich im Namen aus: Seman - Sohn, Simensen, Simens.

Aber auch die überlieferten Wappenfarben Blau-Silber stimmen rnit dieser Ableitung von dem Lehrstand der Semanen überein. Denn nach v. List bedeutet ,,Blau" den Befehl ,,Wache"; und ,,Silber" (Weiß): Weistum. Somit enthält das Wappen nach Guido v. List die geheime Mahnung: ,,Wache über das Wissen, Sohn des Semanen!"

Die bei weitem einfachste Erklaerung stammt aber von dem bekannten Heraldiker Otto Hupp.

Er faßt das Wappen als eine Darstellung der Malva acca auf, einer Pflanze, die im Volksmund neben vielen anderen Namen (Sigmarskraut, Pflugwurz, Wetterrose, Rosenpappel, Studentenwurz, Hochleute) auch den Namen Simonskraut oder Simonswurz führt. Sie war in früheren Zeiten als Herba Simeonis eine beliebte Arzneipflanze, mit der man z. B. nach Otto Brunfels Kreuterbuch von 1532, S.231, so ziemlich jede Krankheit heilen konnte. Die Beziehung des heiligen Simon auf einen Familiennamen und die Verwendung der ihm zugesprochenen Wurzel in einem Wappen lag aber hier um so näher, als ja St. Simon und Juda die Schutzpatrone der Stadt Goslar waren und im dreizehnten Jahrhundert auch ins Stadtsiegel gesetzt wurden.

Das Wappen des Hans Simens verbreitete sich allmählich über alle Zweige der Familie. Von Abweichungen davon, die sich in älterer Zeit auffinden, ist fast nur das Siegel Tiles (5) und seines gleichnamigen Sohnes (10) zu erwähnen. Es zeigt als Hinweis auf das Schneiderhandwerk seiner Träger eine Schere; darüber befindet sich eine Krone, die ganz der Krone in dem Siegel der Goslarschen Gewandschneider nachgebildet ist. Es laesst keinen Zweifel übrig, daß Vater und Sohn damit ihre Zugehörigkeit zu der vornehmen Wortgilde der Kaufleute oder kaiserlich privilegierten Gewandschneider (Großhändler in Tuchwaren) anzeigen wollten. Vielleicht nicht ohne besondere Absicht ist dieses Bild von ihnen gewählt, weil die Gilde der Schneider, aus der sie hervorgegangen waren, neidvoll ihnen das Emporsteigen mißgönnte. -

Dagegen hat schon Henni (17) das Wappen seines älteren Bruders Hans Simens übernommen, wenigstens in seinem oberen Teil, der die Wurzel zwischen den auswaert's gekehrten Hörnern zeigt. Im Schilde selbst weist sein Siegel ein Herz auf, aus dem an drei beblätter ten Stengeln drei Blumen hervorsprossen. Dies ist aber ohne Zweifel das Wappen der Familie Hirsch, wie sich z. B. aus dem Siegel der Anna Luzia Hirsch, geb. Simens (62) erkennen läßt. Danach scheint die Versippung zwischen den Familien Siemens und Hirsch, von denen unser Stammbaum mehrfach berichtet, schon in dieser frühen Zeit bestanden zu haben, wenngleich der Nachweis dafür bisher nicht erbracht werden konnte. In die gleiche Richtung weist das Wappen des Bürgermeisters Georg Heinrich Siemens (26), der ein Sohn von Hans Simens war. Auch er verbindet wie sein Onkel Henni in seinem Siegel dieselben beiden Familien, nur daß er, wie es sich gehörte, die Wurzel dem Schilde zurückgab und die Blume oben auf den Helm stellte. Seinem Beispiel folgten sein Sohn Heinrich Stephan (54) und dessen Tochter Johanna Hedwig (99). Dagegen gebrauchte sein Bruder Hans Henning (28) das unveränderte Wappen des Vaters (Hans 13).

Von Ohm Steffen, dem dritten Bruder des Hans Simens (13), war leider kein Siegel aufzufinden. Daß sein Sohn Dr. med. Henning Johann <44) plötzlich ganz etwas anderes, naemlich einen verastelten Stengel mit fünf Blüten im Schilde führte, wurde schon erwaehnt. Auch der Raum zwischen den beiden Hörnern zeigt hier die Siemenswurzel nicht, sondern ist frei gelassen. Das Wappen wurde von anderen Familienmitgliedern jedoch nicht weiter geführt, offenbar aus dem Grunde, weil es zu wenig charakteristisch ist.

Schon der jüngere Bruder des Dr. Henning Johann, Stephan Andreas (46), dürfte wieder die Wurzel geführt haben. Dies ist daraus zu schließen, daß sein Sohn, der Bürgermeister Stephan Heinrich (79), dessen Siegel leider das Schildwappen nicht mehr erkennen läßt, in dem oberen Teil, der Wurzel zwischen den beiden Hörnern, unverkennbar sich wieder an das älteste Siegel angeschlossen hat; und seine Kinder sind ihm darin gefolgt.

Vor eine neue Frage werden wir durch das Wappen Heinrich Albrechts (65) gestellt. Hat er doch das Wappen seines Vaters Hans Henning (26) in der eigentümlichen Weise geändert, daß er statt einer Wurzel deren zwei hat, die sich kreuzen. Als bloße Spielerei darf man das schwerlich ansehen, da es der Sitte der Zeit widersprach, an dem Wappen des Hauses ohne erheblichen Grund etwas Wesentliches zu aendern. Sehr naheliegend ist die Idee, nach der die Verdoppelung der Wurzeln besagen soll, daß sich in der Ehe des Heinrich Albrecht zwei Linien der Familie Siemens kreuzten. Hölscher vermutete deshalb, daß die Mutter von Heinrich Albrechts Gattin Elisabeth Sternberg eine Siemens sei. Das stimmt nun freilich nicht; dessen ungeachtet bleibt aber die Möglichkeit, daß in den nächst höheren Generationen doch noch das Siemensblut erscheint. Übrigens behielt auch die Witwe Heinrich Albrechts trotz der von ihr beliebten Änderung des Wappens, doch die gekreuzten Wurzeln bei.

Schade ist es, daß von Georg Andreas (63), dem Bruder Heinrich Albrechts, kein Siegel vorhanden ist, da wir von seiner Frau ja wissen, daß sie mütterlicherseits der Familie Siemens entstammte. Seine beiden Söhne: Joh. Georg Heinrich (106) und Friedrich Heinrich (107), führten freilich nur die einfache Wurzel im Wappen, obgleich in beider Ehen sich wie bei ihrem Vater Siemenssches Blut. kreuzte.

Dagegen behielten die Söhne Heinrich Albrechts Johann Daniel (120) und Bürgermeister Johann Georg (123) das Wappen mit den gekreuzten Wurzeln bei, letzterer allerdings daneben in seinem Amtssiegel die einfache Wurzel, die wir auch im Wappen seiner Schwester Henr. Mag. Gertrud (125) wiederfinden. Zahlreiche weitere Nachkommen Heinrich Albrechts (65) behalten die gekreuzten Wurzeln bei, so Carl Leopold (118), August Heinrich (188), Gottfried Leopold (190), Theodor (273), Hermann (277) und Ferdinand (284). - Wie erwähnt, führte Tile Simens (10) in seinem Wappen die Schere der Schneiden. Sein Sohn aber, der Bürgermeister Peter (23), übernahm das vorhandene Siemenssche Siegel von seinen Vettern. Dabei zeigt sich jedoch, daß schon damals die Figur dieses Wappens nicht mehr deutlich verstanden wurde. Peter änderte nämlich das Wappen in der Weise um, daß er den unteren Teil der Wurzel einfach abschnitt und das Kraut überreich, fast fächerförmig hervortreten ließ; dabei rückten die Sterne höher hinauf. Die beiden Hörner mit der Wurzel zwischen ihnen ließ er fort. Auffallenderweise benutzte die Witwe von Peter, Eggerts Sohn (A 64) 1692 ein ganz ähnliches Siegel. Des Bürgermeisters Peter Sohn Georg Henrich (51) ging auf dem begonnenen Wege noch ein Stück weiter, so daß von dem ursprünglichen Muster kaum noch etwas übrigblieb. Das dünne Wurzelkraut entartete oben und unten zu Büscheln von Ähren oder beblätterten Zweigen. Damit hörte denn freilich auch dieses Wappen auf. Denn Georg Henrichs Söhne: Johann Christoph (95) und Johann Leopold (96) haben, soviel bekannt, das Familienwappen nicht benutzt; das von dem letzteren hinterlassene Siegel enthält nur einfach Embleme seines Apothekerberufs.

Bei der Erhebung in den Adelsstand griffen Werner von Siemens (244), Carl von Siemens (250) und Georg von Siemens (351) auf das ursprüngliche Wappen ihrer Familie zurück. Und als Farben wählten sie die traditionellen Farben ihres Geschlechtes: hellblau-silber.

In dem Buch ,,Celler Persönlichkeiten" von Carla Meyer-Rasch 1957, findet sich im Rahmen einer Abhandlung über den Amtsrichter Theodor Siemens (273) eine sinnvolle und ethisch akzeptable Deutung des Siemens-Wappens:

Mit den Wurzeln im Heimatboden verwachsen sein 
und den Blick aufwärts zu den Sternen richten.

Heraldiker, welche sich die hier aus dem früheren Stammbaum übernommene Darstellung besser veranschaulichen wollen, werden in den Siemens-Starnmbaum-Bänden von 1910 und von 1935 die verschiedenen Spielformen in Illustrationen finden.