(transcribed by Ingeborg Brigitte Gastel Lloyd)
 

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Wilhelm Waiblinger (1804-1830)

    Aus den Tagebüchern

    (Aus: ,,0 Kraft, 0 Kraft, du sollst mir nicht gebändigt werden". Zum Abschluß der historisch-kritischen Ausgabe der Werke, Briefe und Tagebücher von Wilhelm Waiblinger Heilbronn (1994).
 


l. Im Kreis der Stuttgarter Literaten
 

Matthisson ist ein ganz herrlicher Mann. Er nimmt gewiß recht lebhaft Anteil an mir, ich schließ es nicht sowohl aus seinen eigenen Versichernngen, sondern aus der Art und Weise, wie er sich benimmt. Er erzählte mir, daß er einst bei Goethe gewesen sei, daß dieser ihn auf einem Spaziergang in seinem Garten an der Hand gegriffen und
gefragt habe: ,,Welches meiner Werke schätzen Sie am meisten?" Matttisson antwortete ohne Zaudern: ,,Faust". ,,Das ist auch meine Meinung", sagte Goethe, und drückte ihm die Hand. Matthisson schätzt den ,,Werther" außerordentlich und hält ihn für eines der besten Goetheschen Werke. Er pflegt den Goethe nur unsern Proteus zu nennen, und ist der festen Meinung, daß er gar keine Manier habe. - Wir sprachen von der spanischen, englischen und italienischen Literatur, und da fand sichs, daß die zweite mit ihren drei Genie's, Moore, Scott und Byron, die vorzüglichste wäre. Als Muster in der Versreinheit ward mir abermals Ramler gepriesen. Den Zacharias Werner nannte Matthisson einen verbrannten Kopf, seine ,,Weihe der Kraft" eine Erbärmlichkeit. Ich mußte ihm viel von
meinen Lehrern erzählen, und da gings an eine scharfe Zensur! Ich hatte ihm schon von meinem Tagebuche gesagt, er bat mich nun darum, und versicherte mich dabei der größten Vorsichtigkeit. Aber es ist mir eine Verlegenheit. Vielleicht wag ichs doch! Wie ich ihm so die Späße erzählte, die die Zuhörer mit unsern Professoren treiben, fand er das Ding lustig und lachte recht herzlich darüber. Es ist wahrhaftig interessant, den Mann mir so nahe zu sehen, der von meiner Jugend an mir als Muster vorgeschwebt, der zuerst Anklänge und wahre, innige Liebe zur Dichtkunst in mir aufgeregt, den Mann, den zu sehen, ich damals ein Jahr meines Lebens gegeben hätte, den ich angebetet, über alle Himmel erhoben, den ich auf allen meinen Wegen mit mir getragen, auswendig gelernt und nachgeahmt habe, diesen Mann nun persönlich kennen zu lernen. - Sein Lebenslauf hat mich heute wieder ganz in Erstaunen gesetzt, seine Bekanntschaften und seine Ausbildung ist ganz unendlich. Matthisson entließ mich nach einer stundenlangen Unterhaltung aufs allerherzlichste.

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Das war ein herrlicher Abend. Ich und Imhof brachten ihn bei Matthisson zu. Es war die Teestunde. Der Alte saß mit seiner Luise am Tische und wartete geduldig, bis sie ihm ein Butterbrot vorstrich. Er war ganz heiter, und ließ sich gehen: So schimpft' er, was er konnte, über die Abirrungen des Katholizismus und über - Vossens Aristophanes, und zwar - weil dieser so garstig übersetzt sei, daß man ihn nicht einmal vorlesen könne - Wehe, was wird er da über mein Trauerspiel sagen! Ich wollte nicht an den Tee, aber das Ehepaar zwang mich, und ich weigerte mich dann bei der zweiten Schale nicht mehr, denn er war gut.

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Weisser ist das auffallendste Gegenteil von Matthisson Er selbst sagt' es heut. Welch' ein interessanter Kerl ist dieser Weisser. Wenn man die Türe öffnet, da kommt man in ein kleines, aber prächtig möbliertes Zimmer, es ist niemand da, man schreitet vorwärts, und sieht in zwei andere, gleich kleine und schön möblierte Zimmer. Jetzt auf einmal kommt ein kleines Männchen hinter einer Kommode hervorgesprungen, mit einem kurzen, hellgrauen alten Überrock, einer Kappe auf dem Kopf, und einem durch die häßlichsten Runzeln, den unangenehmsten, langgezogenen Mund entstellten Gesichte, aus dem ein Paar kleine, spitzbübische Augen blitzen. Nun strengt man sich an, sich dem übelhörenden Männchen verständlich zu machen. Man kommt mit ihm in Streit, da springt er, die Hände wie Fittiche auseinander streckend, durch die kleinen Zimmerchen hindurch, und schimpft und spricht seine mißklingenden Worte heraus. Dann zieht er wohl auch seine vielen Uhren auf, sieht auf seine Wettergläser, füttert seine geliebten Kanarienvögel und Nachtigallen, liebkost seine graue Katze oder sein Hündchen und spricht einstweilen immer fort. 

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Weisser fragte mich: ,,Was halten Sie von Uhland?" Ich besann mich keinen Augenblick, und sagte: ,,Im Episch-lyrischen ist er gut, im Dramatischen gar nichts. Da mangelts ihm an Fülle, an Charakteristik, an scharfer Zeichnung!" - ,,Das mein' ich auch", rief Weisser, ,,und darum ist mir Uhland auch so gram." 

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Ich war bei Uhland. Das hab' ich nicht erwartet. Ich glaubte einen trockenen, abstoßenden, verschlossenen Mann zu treffen, und fand einen verständig-berechnenden, aber nichts weniger als kalt abmessenden, biedern und geraden Mann. Schon sein lebendiges blaues Auge, das einen so freundlich tief ansieht, und die freie Haltung seines Kopfes nach oben verkündet den geistreichen echten Dichter. Da trifft man keine Konvenienzen, keine steife, alte Formen, kein Komplimentedrechseln - nichts dergleichen. Es ist der brave simple Mann, der vor einem steht. Ein paarmal trat es auf eine auffallende Weise hervor, wie frei von aller Eitelkeit er sein muß, wie wenig er etwas scheinen will, was er nicht ist, wie so gar keine windbeutel' sche oder hochtrabende Affektation die ursprüngliche schöne Einfachheit seines Wesens verkümmerte. Und man weiß doch, wen man vor sich hat! So ein weltberuehmter Kerl und so liebenswürdig, so anspruchlos, so vemünftig-zurückhaltend und doch so wenig abschreckend! Er sprach viel von Hölderlin, den er mit Schwab herausgibt, vom Wesen des Drama's, vom Stoff und der Form, auch vom Theater! Ich verspreche mir einen nicht geringen Genuß und manche nützliche Belehrung von seinem öfteren Umgang. So geh' ich nun im Hause aller hiesigen geistigen Optimaten aus und ein, Mathisson, Uhland, Haug, Weisser, Boisseree, Dannecker, Schwab. 

In Schwabs Gedichten herrscht nicht Ein Geist, der alles zusammenhält und wirkt, und als ein Göttliches, Freies, Unendliches schafft. Er ist mir unendlich lieber als Mensch, denn als Dichter. 

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Es ist mir was Schreckliches, wenn mir Schwab so als poetischer Seelsorger und Gewissensrat auf dem Nacken sitzt. Wenn er meinen Gedichten den Geist abspricht, so bricht er seinen sämtlichen Leistungen den Stab. Ich bekümmere mich um all'
das Geschwätze nichts, dichte fort, und wir wollen sehen, was aus uns wird. Das ist doch was Freudiges, ein Dichter zu sein, ja, weiß Gott, ich könnte nicht mehr ohne das leben! 

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Wenn ich das Laszive, das Übertolle, die Anspielungen auf die Bibel in meinem Gedichte nicht streiche, sagte Schwab, könnte man, wenn ich es drucken lasse, mich nicht nach Tübingen aufnehmen. Ich fühle mich wie gedrückt, wenn Schwab über mir ist. Er hält sich für den aufgestellten Seelsorger junger Poeten, läßt sie kräftig seine Meisterschaft fühlen, und während er über nichts mehr schimpft und lästert, als über meinen Stolz, hat er selbst den unerträglichsten Hochmut. 

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2. Philippine Heim oder die Entdeckung der Liebe

Ich habe sie geküßt und war glücklich. Der züchtige Widerstand vergrößertr mein Verlangen, aber sie nahm es nicht übel auf. 

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Heut war ich selig bei Valerinen. Die glücklichsten Augenblicke. Sie ist nimmer so schüchtern, und gesteht mir fast ihre Liebe. Nun weigert sie mir keinen Kuß mehr. Liebe, gute Seele! 

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Gerechter Gott! Valerine kann mir geraubt werden. Ich liebe sie grenzenlos. Ich kann, ich will nicht von ihr lassen. Ihre Schwester weiß es, daß wir einander nicht gleichgültig sind, sie sagte es ihr heute, und riet ihr Vorsicht und Behutsamkeit an. Ach! und Valerine wollte mir heute den Abschiedskuß versagen. ,,Ich darf ja nicht", sagte sie, und blickte so unruhig zum Himmel empor. Und doch hat sie mir ihn noch gegeben. 0 ich vergesse sie nie, nie! Wie wirds gehen! 

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Meine Geduld wollte mir ausgehen. Es war um Mitternacht: die Geliebte war noch nicht da. Und sie kommt nicht, läßt dich so allein, so fürchterlich allein, nur dir und deiner stürmenden Empfindung, am letzten Abend - vielleicht ist es wohl der letzte in unserm Leben - am letzten Abend will sie dich verlassen? Mir begann's zu kochen und die Galle stieg zu einer schauerlichen Höhe. Ich warf mich aufs Bett, nahm den Homer und las ein paar Seiten, dann legte ich ihn wieder zur Seite, ich ergriff das Neue Testament, und las das ganze Evangelium Johannis hinaus. Ich war fertig, Valerine war immer noch nicht
da. Auf einmal öffnete sich die Türe, sie war's - Ich sah sie finster an: ,,Warum lassen Sie mich so lange warten -,, Valerine ward traurig: mein ganzer Unwille war verschwunden, ich fiel ihr um den Hals. ,,Engel, Engel! verzeihe mir, verzeihe mir", war das einzige, was ich stammeln konnte. Ich zog sie zu mir aufs Bett, wir sprachen Arm in Arm, Mund an Mund, nur vom morgenden Abschiedstag, nur von unserer Liebe, von unserer Empfindung, ich war wie benebelt, vor Freude, vor Wonne, vor Entzückung, 0 du gerechter Gott, ich erkenne deine Milde, du hast sie mir gegeben, sie liebt mich, ich liebe sie, ich kann ein Wesen das meinige nennen, 0 mir schwindelts vor dem Auge, mich überwallts vor dem Gedanken, ein Wesen das meinige. Ein paar Stunden hatten wir in Liebesspielen, in Betrachtung vergangener und künftiger Tage verbracht, sie legte sich auf meine Brust, ich hatte meinen Arm um sie geschlungen, ihr liebes, himmlisches Gesicht lag so nahe an mir, jeder Hauch ihres Odems konnte mir nicht entgehen: ihr Busen klopfte an dem meinigen - ich verlor mich in ihrer Anschauung, Gott, wer wollt' es aushalten, so einen Engel am Busen, ich erstickte sie fast in Küssen, sie schlummerte leicht ein, aber über mein Auge konnte sich keine Ruhe, kein Schlummer verbreiten, ich verging, ich zerfloß im Taumel der Liebe, - sie schlummert an meinem Busen - Gegen Morgen erst schied sie. Ich bat sie um Gottes, um aller Heiligen willen, länger zu bleiben, umsonst, sie war taub gegen alle Bitten. 

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Zum Henker, ich möchte wirklich nichts als einem schönen Kinde die Kleider vom Leibe tun, von oben an bis zu den Strümpfen. So einen vollen, weißen Busen mir auf einmal entgegenschwellen sehen! den zarten Bau der Glieder, die vollen, runden Hüften! ,s wär' ein Anblick zum Entzücken, wär mir lieber als die ganze Messiade! Ich konnte bei Gott nur einmal lieben, wie ich liebte - Noch nie sah' ich an der Geliebten eine andre Schönheit, als ihr Gesicht und ihren Hals! Und welche überschwängliche Reize birgt ihr Kleid! Alle Welt, ich hatt' es so leicht! 

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Bei nichts geniert mich meine Größe mehr als beim Küssen. Da muß ich mich immer seitwärts biegen, und meine Brust kommt nicht an des Mädchens Busen. 

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3. Besuch im Stuttgarter Hoftheater

,,Maria Stuart" hat fast bis 11 Uhr gedauert. Das Stück ist dem ,,Wallenstein" wenig nachzusetzen. Brede war Elisabeth, Genast Maria Stuart. Die erste war an manchen Stellen eigentlich unübertrefflich, besonders in dem Wechselgespräch der Königinnen, und in dem Monolog, eh sie das Urteil unterschreibt. Ihr fehlt zur vollkommenen Schauspielerin gar nichts als ein metallreicheres Organ, sie scheint es durch ihre Lebensweise verscherzt zu haben. Doch, wenn sie oft auf einer gewissen Stelle der Bühne steht, wo die Schallwellen in gerader Linie ins Parterre herüberklingen, ist ihre Stimme äußerst deutlich. Sie deklamiert vortrefflich, nur schweift sie mit Endwörtern zu gerne hinaus. Auch möchte die starke Aussprache des T manchmal etwas affektiert lauten. Ihre Mimik ist immer vollkommen, und wars 

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besonders auch in jener entscheidungsvollen Szene. 

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Madame Genast war als Maria im ersten Akte eben nicht lobenswert. Sie hat kein rein-weibliches Organ. Es ist zu dumpf, nicht hell, nicht zart. Ihre Deklamation wäre nicht übel. Aber das lebenslustige, genußsüchtige, mit ihren Reizen buhlende Weib sah man gar nicht. Es war eine gutmütige, ernste unglückliche Dame. So zeigte sie in jenem Gespräch mit Elisabeth auch zu wenig Stolz und Würde, sie war mehr ein gereiztes Mädchen, als eine beleidigte Königin, besonders die Art, wie sie den Ton steigen und sinken läßt, ist nicht geeignet, ein Königslaut zu scheinen. Sie hatte eine allzudüstre Schwerfälligkeit, und konnte sich auf dem Cothurns nicht genugsam halten. Aber im letzten Akt verbesserte sie ihren Ausdruck auf eine unglaubliche Weise. Ihre Stimme ward reiner, klarer, sonorer, und wie sie von den umstehenden Dienerinnen Abschied nahm, wie sie endlich vor Melvil niederkniete, und in einer bewunderswuerdig-malerischen Situation ihre Sünden beichtete, und so ganz fromm, so ganz dem Himmel gegeben schien, da traten mir die Tränen ins Auge, daß ich mich ihrer fast nicht mehr erwehren konnte, und das Bild auf meiner Brille in Nebel und Wolken verschwamm. 

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Maurer war sehr brav als Leicester. Ich wüßte gar nichts an ihm auszusetzen. Vor allem war in der Szene, wo er sich vor Elisabeth rechtfertigt, sein Talent recht auffallend sichtbar. Er kann so etwas Zartes, Liebeswürdiges annehmen, wenn er will. Aber ums Himmelswillen was war das für ein Mortimer! Mevius deklamiert ganz und gar falsch, in alles ohne Unterschied will er Pathos legen, er meint, ein Ritter mit einer Blechhaube müsse immer cum emphasi reden, seine Verse deklamiert er oft herunter, wie wenn er sie eigentlich ins Lächerliche darstellen wollte, seine Stimme ist zu dem allem eine äußerst schlechte, er reißt gräßlich, seine zusammengepreßte Figur soll nun auch noch eine Heroenstellung erhalten, deswegen steht er da, wie wenn man ihn messen wollte, wie hoch er seie, streckt den Bauch hinaus, die Hände gerade gesunken, oder wenn die Beine auseinanderkommen, glaubt man einen Tanzmeister zu sehen. Das Tollste ist fast, daß er in einem solchen Prunkpathos so freundlich ist, ja fast lächelt. Er sollte Ritter Rollen, wenn sie ernst sind, aufgeben. Uebrigens scheint mir Mortimer eine Ausgeburt von nicht vollkommener Reife zu sein, er steht ganz wunderlich unter den klugen Lords, der phantastische Jüngling. Shrewsbury von Pauli gegeben, war ebenso schlecht. Der Mensch zog den alten, würdevollen General zu einem schwachen, gebückten Philister herab, der fast nimmer gehen kann. Burleigh wurde hingegen meisterhaft von Gnauth gegeben. In jener Szene, wo er mit Leicester vor Elisabeth steht, war er zum Küssen, aber am bewunderungswürdigsten war er gewiß im letzten Akte. Ich bin überzeugt, ein jeder andere Schauspieler, der nicht so seine Kunst versteht, wie er, hätte einen recht schneidenden Kontrast zu bewirken gesucht, und hätte darum in jenen Antworten auf die letzten Bitten der Königin eine recht laute, wo möglich teufelhafte Sprache angenommen. Gnauth stand da, fest, unbeweglich, wie der ewige Richter, sein: ,,Es sei", war ungemein mäßig, ganz tief, besonnen, nicht teuflich, aber kalt. Es hätte sonst übel eingewirkt auf die herzzerreißenden Reden der Maria. Der Mann faßt jeden Charakter aus dem Fundament. 

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Wie freute ich mich auf die Kommunion! Sie ward - weggelassen. 0 daran erkenn' ich die Zeit! Spottlieder, Possen, Blasphemien über das Heiligste werden gelesen und gebilligt, und ein Sakrament auf der Bühne, die doch mittelbar eine Bildungsschule für Herz und Geist sein soll, mit einer Feierlichkeit, in einer Situation darzustellen, wie's in keiner Kirche im Lande gefeiert wird, das soll eine Entweihung, eine Sünde, das soll verboten sein? 0 was ist unser Theater geworden? War es bei den Alten nicht ein religiöser Akt? Und bei uns wirds von hohlen Köpfen zum Aufenthalt der Eitelkeit, zum Gegenmittel der Langeweile herab gewürdigt? Während es mir eiskalt über die Leber lief, und ich fast vergehen mußte vor Mitempfindung, vor Rührung, kehrte sich ein Kerl, der vor mir stand, um, lachte und schäkerte mit einem andern, ein anderer schneuzte sich zweimal, daß es knallte - Gehören solche Bestien aufs Parterre? Und einer guten Deklamation applaudiert niemand, als höchstens die Offiziere, vor denen ich dadurch einen ordentlichen Respekt bekommen habe, ein Spektakel, eine Schlacht, eine Balgerei wird durchs Klatschen und Schreien noch übertäubt - selbst der König glotzte während Marias Beichte durch sein Perspektive die Mädchen an! - Und wie leer war's auf dem Parterre, auf den Logen 

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und Galerien! 0 welch eine heilige Bestimmung hat die Bühne in meinen Augen! Schon als ein kleiner Knabe überwallte mich' s, wenn ich hinter den Kulissen stand. in einem wunderbar-ahnungsvollen Schauer. 

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4. Aufbau einer Dichterexistenz

Ich war gestern den ganzen Abend wie in einem Rausche. Ich rannte wie besessen umher im Zirnmer und ein Feuer brannte mir im Busen, als ob all' meine Lebensgeister in Flamme geraten wären. Der Plan zu einem Trauerspiel ward gemacht - ich phantasierte - Gott weiß, wie ich mich so seltsam gebärdete - Ich las ein halbes Stück von Shakespeare vor, aber dies fehlte mir noch, um mich gänzlich wild zu machen. Shakespeare! du bists, dem ich nachstrebe! Shakespeare! klingts den ganzen Tag vor allen meinen Sinnen! Das Auffassen befriedigt mich nicht: es treibt mich mit furienmäßiger Gewalt, selbst zu erschaffen und selbst ein Ganzes zu bilden! Mein ganzes Innere ist mit hohen Ideen angefüllt! Mein Stück ist ganz meine eigene Erfindung! Ich muß einen Punkt haben, wo sich all' meine Bestrebungen konzentrieren, einen Brennpunkt der Sonnenstrahlen meiner schaffenden Kräfte! 

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Früh vom Morgen gearbeitet, ohne aufzusehen. Mit dem Homer begonnen, dann solange gedichtet, bis mich die Schwäche betäubte, und dann gleich wieder den ,,Hamlet" gelesen! Drei Stunden an einander fortzudichten, ist für mich das Beste und Ersprießlichste: In der ersten arbeit ich mich ein, in der zweiten komm' ich ins Feuer, am Anfang der dritten bin ich weg, und der höchste Grad einer taumelnden Begeisterung tut sich durch die Spannung aller Geisteskräfte kund. Dann muß ich aber aufhören. Es wird mir wohl darauf, wenn ich mich erholt, ich sehne mich dann nach einer Unterhaltung, und fühle wieder alles in den alten Fugen. Überhaupt bin ich diese Woche herein sehr behaglich, mein Homer, Shakespeare und Plato, mein Trauerspiel, dann eine artige Erholung bei den befreundeten Künstlern, eine stille, sanfte Sehnsucht nach der Geliebten, ein glückliches Zurückschauen auf das hinter mir liegende Glück, und eine wonnevolle Vorahnung des künftigen, mein ganzes Wesen Poesie und Kunst! Wer führt ein höheres Leben? 

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Da erfahr ich heute, der von mir am Examen geschriebene Aufsatz sei dem ganzen Studienrate vorgelesen, und es sei tollkühn befunden worden, dergestalt mit ihm zu spaßen. Ich werde deswegen entweder gar nicht aufgenommen, oder dem Inspektorat
zur besonderen Aufsicht empfohlen werden. Ich war gefaßt. Ich fühle mich zu sehr, als daß ich hätte können mich vergessen. Nur der Vater wird verzweifeln. - Wie wirds gehen? Wie werd ich studieren? mit welchen Mitteln? - Welchen Kampf werd ich noch haben mit der äußern Welt? Stark bin ich von Innen. In mir selbst find ich alles, find ich Ersatz für alles - Meine Brust ist voll, meine Seele ist Dichterseele - die Welt in mir raubt mir niemand - Das macht mich stolz - Es ist etwas Großes, allein dazustehen. 

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5. Eduard Mörike - ein Vertrauter in Kunst und Leben

Mörike ist ein tiefes, schönes Gemüt, ringend, und doch nicht krampfhaft, nicht wund, sondern stark, kräftig und gesund. Uberall, selbst da, wo sein Gefühl in den reinsten, schönsten Strahlen, wo seine Wehmut in den heißesten Tränen hervortritt, wo beide den heiligsten Regenbogen trunkener Liebe, schwellender Sehnsucht bewirken, ist keine Mattheit, keine Verzärtelung, keine Entkräftigung sichtbar. Es verlangt ihn endlos nach einem Gegenstand, den er lieben kann, und wenn er ihn gefunden hat, so hängt er an ihm mit einer wunderbaren Liebe. Sein heitrer Humor, sein Witz, der mich unendlich an ihn fesselt, gleicht schimmernden Regentropfen in wechselndem Farbenspiele, die das glühende Licht der Sonne durchschauen.Diese Sonne ist sein Herz. Er ist ganz Natur, nie legt er Fremdes in sich hinein, seine Eigentümlichkeit ist ihm genug. Er ist die Beute des Augenblicks, und so mag mancher Vorsatz, mancher Entschluß wieder ins Nichts zurückkehren, vor der Macht eines drängenderen Impulses, wie 

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leichte, flücht' ge Wölkchen vor dem Hauch lebendiger Winde. Er ist unendlich liebenswürdig in diesem Hinleben, und wird zum angenehmsten Gesellschafter, wie er denn auch, arglos und beruhigt, sich der Lustigkeit hingeben kann. So ist er auch
gleichgültig gegen alles lose Spielwerk der Eitelkeit. 

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Mörike ist über keine Stunde seines Lebens Meister. Er verspricht tausenderlei, aber wer weiß, was dazwischen kommt, kurz, es bleibt immer beim Versprechen oder beim Vorsatz. Es ist denn doch Mangel an Selbstständigkeit. 

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Mörike folgt mir ganz in meine Welt; wenn er bei mir ist, so hab' ich ihn. Er legt sein ganzes Ich ab. Deswegen könnte er mein liebster Gesellschafter werden. Aber gleich hernach gibt er sich wieder einem andern hin. 

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Um 12 Uhr weckte die Wacht. Ein Glühwein getrunken, und drei Gläser zerbrochen. Selb 16 wanderten wir um 1 Uhr Morgens aus dem Kloster. Man verwahrte sich mit Tüchern gegen den scharfen Dezemberwind. Es ging lustig zu, man sang, scherzte. Jeder gab sich in seiner Eigentümlichkeit zu erkennen, ohne daß man ihn recht sah. Mörike wandelte, in einen recht modernen Mantel gehüllt, unter uns, lustig und aufgeräumt, ohne Pack und Ranzen. Es könnte dieser Gang vielleicht sein ganzes Leben repräsentieren. 

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Heut las ich ,,Feodor" durch. Mörike korrigierte Blatt für Blatt nach. Herrlicher Mittag im Gartenhaus, Mörike bleibt mir immer nah und immer neu. Mein Verhältnis mit einem Menschen ist aus, der mir aufhört neu zu sein. Manchmal fühl' ich bei Mörike etwas, das mir noch kein Freund gab, - etwas unaussprechlich Heimisch-Kindlich-Gemütliches. 

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6. Alltag im Tübinger Stift

Das Bißchen Ordnungsliebe, das ich bisher gehabt, geht nun vollends zum Teufel, seitdem ich im Stift bin. Gott gebe mir dereinst nur eine tüchtige Frau, sonst gibt es bei mir eine pure Sauhaushaltung. 

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Schlechte Witze werden gemacht.... Tabak geraucht in unendlicher Fülle... auf den Boden geschissen... den Schnarchenden in die Nase geknept ... den Berauschten ausgelacht ... über Kartoffeln hineingefahren, als obs Gesteine von Golkonda wären... Kartoffeln und Tee gesotten... Stick- und Gasluft unter dem Namen Furz hinausgejagt...  Nichts was menschlich ist, gescheut! Das ist was aus dem Stift! 

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Nach dem Mittagsfraß setzten wir uns auf die Schlitten. Unsere Stube flog fast ganz aus. Grimmige Kälte, ein heiterer Nachmittag. Herrliche Bahn. In Ofterdingen eingekehrt und brav Bier getrunken. Ein artig Mädchen in der Kneipe. Nun vollends nach Hechingen. Habe schon viel von den Hechinger-Mädchen gehört! Wir tranken brav im ,,Mohren" . Nun gings zu einer Judenhochzeit. Gegen hundert weißgekleidete Mädchen drängten sich schwatzend in einem schrecklich dumpfen Saale. Die Mädchen alle hatten hübsche Gesichter, schöne Nasen, volle Busen. Besonders einige reizten meine Triebe. Es ward getanzt. Ich gesteh's, gern hätt' ich auch mitgemacht. Sie sahen mich verwundert an, die artigen Dirnen. Nun noch zum Vögele, einem gar hübschen Judenmädchen. Wir waren tüchtig 

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angesoffen. Wir setzten uns wieder zu Schlitten spät abends. Unterwegs purzelten wir über den Schlitten. Zwei Schlitten, die mit uns waren, führen voraus. Wir aber kehrten noch in Ofterdingen ein. Ich erinnere mich noch wie an einen dumpfen, unglaublichen Traum, daß ich da das hübsche Mädchen viel im Arm gehabt und geküßt. Wir wußten nichts mehr von Zeit und Raum, diesen beiden Formen unserer sinnlichen Existenz. Denn als wir vor Tübingen waren, glaubt ich: nun müssen wir doch nach Ofterdingen kommen, da möcht ich einkehren: ein anderer hatte Mühe, mir so etwas zu explizieren, daß ich eigentlich in Ofterdingen ja schon eingekehrt sei. Und was die Zeit anbelangt, so hörten wir unterm Tor, daß es halb ll Uhr sei.Nun aber hielten wir nur bis 9 Uhr an, und um l0 Uhr ist das Stift geschlossen, auf einer Abnoktation aber lastet Karzer. Wir sprangen, so gut wir konnten, dem Stift zu, hatten aber immer Mühe, wieder aufzustehen, wenn wir purzelten. Alles zu. Wir schrien und lärmten. Kamen noch hinein! Stellten uns dem Repetenten, taumelten in der Stub' umher, schlugen Scheiben hinaus, warfen um, was uns in Weg kam, und wie wir zu Bett kamen, weiß ich so wenig mehr, als wie ich auf die Welt kam. 

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Nirgends ist vielleicht der Gegensatz: von Leben und Idealwelt greller gegeben, als im Stift. Wie wir gestern Abend uns in elegischen Betrachtungen über den lieben blassen Mond verloren, da hörten wir plötzlich etwas platzen: es brunzte einer über unserm Haupt von ,,Luginsland" in den Hof herab. Und wie wir einmal hinterm Pult begeistert über die Schönheitsidee des göttlichen Platon sprachen, da hörten wir einen sagen: ,,Jo, wenn i eben scheißen will, no sauf i nu en Schoppa Zuckerwasser." 

7. Spätherbst 1825: Lebenswende, unerschrockene Hoffnung

In dieser Zeit eines wunderbaren Winters beginnt für mein Leben eine neue Epoche. Jene großen herrlichen Ideale von Liebe, Freundschaft, Jugendfreude, Treue, Selbstständigkeit, Sieg über Weltformen sind wie der gräßliche bis zur Verzweiflung, zum Lebensekel und zum Menschenhaß gestiegene Schmerz zerflogen  und vergangen. Vorigen Sommer wars noch grimme, gallige Polemik gegen mich selbst und über den wahnsinnigen Gedanken, mir ein Leben und Menschen nach meinem Wunsche zu verschaffen, was mich in wilde Zerstreuungen, in grelle betäubende Ausschweifungen stürzte. Ich raste von Genuß zu Genuß, von Menschen zu Menschen, und jeder ward mir zum Ekel, jeder füllte mich mit neuer Verzweiflung. Ich glaubte dem Wahn zu großer Erwartung entgangen zu sein, und fühlte mich zuweilen fest, fiel aber in einen neuen Wahn; denn ich war nicht fest, ich fühlte den Verlust meiner Ideale und jener überschwänglich Geliebten, jener teuren Heim, jener unglückseligen Julie und meiner drei großen wie ein Nordlicht in meinem schwarzen Herzen leuchtenden und verschwindenden Freunde, Zellers, Pfizers und Bauers, ich fühlte ihn noch zu stark im blutenden Herzen. Ich verfiel in gräßlichen Gegensatz. Ich trat das Heilige mit Füßen, erst die Menschheit, meine Geliebte sogar, höhnte mein eigenes Bild im Spiegel mit Verzerrungen und Fratzen, zog Juliens Liebe in Kot und Gemeinheit, selbst Gott und die Stimme des Gewissens, selbst jeden Drang innerer Religion verspuckt' ich mit Geifer. Ich glaubte weder an Gott noch an Unsterblichkeit, eine grausige Notwendigkeit, ein eisernes Verhängnis wars, das mir in der Welt selbst zu liegen, und alles Einzelne Wollen blindlings zu zernichten schien. Es gab kein Verhältnis mehr, das ich achtete; zugleich gewann ich aber, ohne daß ichs merkte, bei den Menschen; ich fing an, den Atheisten, Narren, Possenreißer zu spielen, man fand mich grell original, lustig, unterhaltend, gesellschaftlich, ich belebte jeden Zirkel mit abenteuerlichen Gedanken, Fratzen, Grimassen, zügellosem Hohn, oder galanten Windbeuteleien. Ich spielte mit der Liebe, tändelte mit Luisen, tändelte mit einer Menge Frauen und Mädchen, und man hielt mich für ein Weltkind, für einen galant-homme, dessen süßer unerschöpflicher Rede kein Mädchen widerstehen könne. Weiberliebe galt mir nichts mehr; ich suchte nur die Befriedigung wollüstiger Triebe bei ihnen, raste beispiellos im Arm wilder Buhlerinnen und Freudenmädchen, zuweilen mit gräßlichen Erinnerungen und krampfigten Blicken auf die Vergangenheit und das einst so süße, heilige angebetete, nun in Kot getretene, von mir selbst geschändete, nicht geglaubte Bild meiner verlorenen Julie. Ich liebte den Trunk mehr als jemals, und es fehlte nie an lustigen, faulen, leichtsinnigen oder gar liederlichen Leuten, die sich um mich sammelten, ich ließ mich von ihnen selbst in der Ubertreibung der Gemeinheit bewundern; jene Zerknirschungen, wo mir oft in schwülen Naechten vor Wut und Ingrimm, vor Verzweiflung die Zähne klapperten, wo ich schrie und fieberzitternd lärmte, diese hörten auf und ein gesunderer Leichtsinn trat an ihre Stelle. Ich ward gourmand, und brauchte mehr Geld, als mir der Vater geben konnte, ohne den Gedanken, zu bezahlen. Kein Mensch übertraf mich an großer Zotenreißerei. 

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Freilich kam auch keiner der Sache auf die Spur, nur wenige wurden aufmerksam auf die schauderhafte Liebe zu Unnatürlichen Gegensätzen, zu greller Zernichtung meiner eignen Welt. Ich arbeitete im Sommer 1825, außer jenen zwei Erzählungen ,,Euphrosyne" und ,,Rose von Farsistan" und außer den Vorbereitungsstudien für ,,Anna Boleyn" nichts von einigem Belang, fing aber an mit Besonnenheit durch Briefe, die ich überall ausschrieb, und durch reifere Plane in meine Zukunfl zu wirken und meine Lebensweise zu fixieren. Zum gereiften, festen, mit kalter Überlegung bedachten Entschluß ward mir erst jetzt die Liebe zum Ausland. Ich will Hofmeister oder weiß der Himmel was sonst werden, seis wo es wolle, nur ja in neuer Welt, und wo möglich am Meer. 

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So glaub' ich denn in die Periode eines gesundern Strebens gekommen zu sein. Ich erwarte ohne eigentlichen Groll, ohne Galle, ohne wahren Lebensekel nichts von der Welt - mein Ausspruch ,,whatever is, is right"; ich bin Fatalist; versuche alles und lasse michs nicht verdriessen, wenn ich mich in meiner Hoffnung betrogen sehe; denn mein System ists ja, das mir verbietet, sichere Erwartungen zu gründen: ich habe an Unterhaltungsgabe, an Lebensgewandtheit, an äußerer Weltbildung bedeutend gewonnen, und darf mir schmeicheln, fast jeden Menschen zu fesseln, wenn ich mirs angelegen sein lasse. Dies ist eine Gabe, ist eine Eroberung, auf die ich halb stolz bin, und die ich fast für nützlicher und für meine künftige herumirrende Lebensweise zuträglicher halte, als wissenschaftliche Vorzüge. Ich habe mich in ein bestimmtes Verhältnis zu der Welt gesetzt; es gilt, entweder ich, oder sie, entweder Sieg oder Sklaverei - Kein Mittel soll mir mehr zu klein sein, meine Zwecke zu erreichen. Was endlich meine Poesie betrifft, so ist es dem gesundem innern Leben, das ich in mir fühle, sehr entsprechend, daß ich mich so weit besiegen konnte, keinen Lieblingshelden fürs erste zu beschreiben, sondern an ein Werk gehe, das wahres Künstlerstreben, objektive Darstellung, strenge Keuschheit und Selbstaufopferung verlangt - ,,Anna Boleyn" - Ich glaube eine eigene Poesie errungen zu haben, sie ist in einer düstem schwarzen Schule erzogen, im Feuer geboren, oder eigentlich in der Hölle, und wird doch vielleicht ein Kind des Himmels. All mein Wesen strengt sich zu diesem Werke an; es wird mein literarisches Leben entscheiden. 

Dieses schrieb ich den 18. November 1825, mög' ich es in spätem Jahren noch wahr finden!

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