Die Weizsaeckers - Geschichte einer deutschen Familie 
(Relatives of Ingeborg Brigitte Gastel) 

geschrieben von Martin Wein, 1988, ISBN 3-426-02417-9, Knaur Sachbuch 

Die Herkunft der Familie Weizsaecker
 


von der Muehle auf die Kanzel 

Im Hohenloher Land zwischen Neckar und Tauber ist deutsche Geschichte allgegenwaertig. Burgen, Herrensitze und Schloesser deuten auf einstige politische Bedeutung hin. In den Staedten, an wichtigen europaeischen Routen, bezeugen imposante Kirchen, Rathaeuser und Fachwerkbauten, dass sich hier fruehzeitig eine buergerliche Kultur entwickelt hat, die auf Glaube, Ordnung und Haeuslichkeit gruendete. Vergilbte Dokumente in den Archiven aber machen deutlich, wie kraftvoll im Hohenlohischen die unteren Volksschichten schon waehrend des Bauernkrieges soziale Gerechtigkeit forderten. Das Nebeneinander von Adel, Geistlichkeit und Buergertum, die Symbiose von Franken und Schwabeen, der Wechsel von wuerdigem Ernst und heiterer Ruhe wird besonders deutlich in Oehringen, der ehemaligen Residenzstadt, die seit dem 11. Jahrhundert aus einem Chorherrenstift entstand und in der sich unter denen von Hohenlohe ein gebildetes Patrizier- und Beamtentum entwickelte. Durch diese Landschaft, diese Stadt und diese Umstaende wurde eine Familie gepraegt, aus der, nach bescheidenen Anfaengen, seit fuenf Generationen immer wieder Menschen hervorgehen, die im geistigen oder im oeffentlichen Leben Deutschlands eine herausragende Rolle spielten: die Weizsaeckers. 

Dieser Herkunft wegen halten sie nun alle fuenf Jahre in Oehringen ein Familientreffen ab. Und auch die Beruehmten unter ihnen sind dann, gleich den vielen Unbekannten, nur Verwandte. Unter den 120 Weizsaeckers und Weitzsaeckers, die am 23. Und 24. Mai 1987 zu ihrem Familientag zusammen kamen, befanden sich in Oehringen ganz privat Richard vopn Weizsaecker, der sechste deutsche Bundespraesident, und der Meimsheimer Mueller Ernst Weitzsaecker, im festlich dunklen Anzug der weltbekannte Physiker und Philosoph Professor Carl Friedrich von Weizsaecker und der Hals/Nasen/Ohren-Arzt Dr.Wolfgang Weitzsaecker, der wegen seiner legeren Kleidung bei den Sicherheitsbeamten des Staatsoberhaupts Argwohn erregte, da waren zahlreiche Kinder von ueberall aus der Bundesrepublik und der 77jaehrige Frederick Weitzsacker aus Buffalo in den USA. Unter der Regie von Ingrid Hubing-Weizsaecker lieft 1987 in Oehringen waehrend der beiden Tage ein dichtgedraengtes Programm ab, mit Empfang im Rathaus und Gottesdienst in der spaetgotischen Stiftskirche am Marktplatz, in der vor 260 Jahren ein Vorfahr gepredigt hatte, mit einer Ausstellung von Stammbaum, Dokumenten sowie alten Portraets, drei Referaten ueber Ahnen und einem Abstecher in das 6km entfernte Schloss Neuenstein. Im dortigen Kaisersaal begruesste der 54jaehrige Kraft Hans Konrad Fuerst zu Hohenlohe-Oehringen die Nachkommen eines Muellers, der 330 Jahre zuvor ganz in der Naehe Untertan gewesen war. Bei Ochsenruecken, Beinschinken und Wein kam in der historischen Kueche des Schlosses zwischen den Weizsaeckers und den Weitzsaeckers am Abend dieses 23. Mai bald eine angeregte Unterhaltung auf. Und hie und da auch wieder die alte Frage: Was bedeutet eigentlich der Familienname?

*Wenn's um den Namen geht*, bekannte Carl Friedrich von Weizsaecker, *dann sage ich immer: Denken Sie an einem Mueller mit Weizen und Sack!* Eine Auslegung, die schon im 18. Jahrhundert in die buergerlichen Familiensiegel und 1916 in das Freiherrnwappen Eingang gefunden hatte: Darin figurieren stets drei goldene Weizenaehren. Auch der schwaebische Schriftsteller und Familienforscher Ludwig Finckh neigte dieser Ansicht zu, denn so schrieb er 1928, *der erste Weizaecker, der auftaucht, ist ein Mueller.* Sprachforscher wie Professor Rudolf Kapff aus Urach stimmten zu. Andere wiesen dagegen darauf hin, dass die Berufe im vorliegenden Fall erst seit etwa 1600 feststuenden, dass aber die Zunamen bereits mehr als 300 Jahre frueher entstanden seien. Ein Teil dieser Gelehrten fuehrte die Sippenbezeichnung Weizsaecker, beispielsweise parallel zu Gerstaecker, auf einen unbekannten Stammvater zurueck, der *an einem Weizenacker gewohnt oder ihn bebaut* hatte. Auch als urspruengliche Lagebezeichnung wurde der Name interpretiert, als Adresse eines Bauernhofes, der, von einem mutmasslichen Landwirt namens Weiss einst am aeussersten Rande eines neuerschlossenen Gebietes erbaut, *der Weissen Eck* genannt worden war, was freilich sogleich die Philologen zurueckwiesen, weil im Deutschen eine Abschleifung von *ssen* in *z* nirgendwo vorgkeommen ist. Spekulationen und Widersprueche in Fuelle also. 

Der 1984 verstorbene Ahnenforscher Dr. Joachim Weitzsaecker, ein Arzt aus Brackenheim, der 1939 den ersten Familientag in Stuttgart-Bad Cannstatt organisierte, hielt diejenige Erklaerung seines Nachnamens fuer die plausibelste, die der Geistliche und Genealoge Andreas Schmidtner schon 1872 in Weilheim/Oberbayern veroeffentlicht hatte. Diese Deutung war nicht von fiktiven Vorfahren, Berufen oder Adressen, sondern von der mittelhochdeutschen Wortbedeutung ausgegangen. Bis weit in das 17. Jahrhundert hinein hatten Schriftkundige den Namen zwar nach Gehoer, Gutduenken und Mode unterschiedlich, wie z.B. Watsacher, Wazach, Wadsackherer, Waadsack oder Wattsacker, zu Papier gebracht. Stets war dabei jedoch - unveraendert oder durch ein eingefuegtes a,e,i respektive y gedehnt oder in abgeschliffener Form - die Silbe *wat* aufgetreten, die im 12. Bis 14. Jahrhundert, z.Zt. der Entstehung der Familiennamen, soviel wie *Kleidung* oder *Tuch* bedeutet hatte. Ein Watsack, den uebrigens der mittelalterliche Dichter Hans Sachs bei seiner Beschreibung des Handwerks erwaehnte, wa also ein Behaeltnis, ein Beutel, Sack oder Ranzen, in dem ein Kleidungsstueck -wie auch anderes- verstaut werden konnte. Diesen Vorgaenger des Koffers stellte der Watsacker her, der mithin eine Taetigkeit ausuebte, der derjenigen des heutigen Sattlers aehnelte. Der Name Wei(t)zsaecker bedeutet demnach soviel wie Sattler. Ausser der Wortgeschichte spricht fuer diese These auch die Tatsache, dass sich unter den Vorfahren der Weizsaeckers Schuhmacher befinden, Angehoerige eines Berufes, der dem des Sattlers nahe verwandt ist. 

Ein Lautwandel im Familiennaen, so der Forscher aus Brackenheim, erfolgte, als sich 1648 ein Niclaus Wadsacker im Hohenlohischen niederliess. Dem dortigen fraenkischen Dialekt gemaess, der *breit* in *braat* und *Weide* in *Waad* verwandelte, wurde die Namenssilbe *Wad* vermutlich als mundartliche Sprechweise aufgefasst und in der Schriftsprache in *Waid* oder *Weid* umgekehrt, wobei sich gleichzeitig nach dem Gehoer die anschliessende Lautkombination *ds* in *tz* oder einfach *z* veraenderte. Diese Annahme wird auch dadurch gestuetzt, dass sich in anderen Teilen Deutschlands, in Niedersachsen zum Beispiel, die alte Namensform Wadsack erhalten hat. Im Hohenloher Land und seinen Nachbargebieten aber setzen sich die Schreibweisen Weizsaecker und Weitzsaecker bis zum Ende des 18. Jahrhunderts durch. Eine einleuchtend klingende Interpretations des heutigen Familiennamens. Indes, auch sie ist, wie so vieles in der Sprachgeschichte, umstritten. Um aber die Entwicklung deutlich zu machen, wird in diesem Kapitel der Name Weizsaecker stets so geschrieben, wie das zur jeweiligen Zeit vorwiegend der Fall war. 

Klarer als die Deutung des Namens erscheint die Herkunft der Wei(t)zsaeckers, wenn man akzeptiert, dass sie Nachkommen einer mittelalterlichen Familie namens Watsacher sind. Am 17. Mai 1282, so steht es in zeitgenoessischen Urkundbuechern, leistete ein Ulrich Watsacher, Buerger von Weilheim, beim Verkauf seines Gutshofes, des *Niwehaus bei Watacher*, einen Eid hinsichtlich der Rechtsverhaeltnisse. 1482 erhielt ein Kainz Waytsecker das Buergerrecht dieser Stadt im Pfaffenwinkel, das in den folgenden 100 Jahren noch sechs anderen Personen gleichen Namens gewaehrt wurde. Mitglieder dieser Familie sind in den Weilheimer Ratsprotokollen, aber auch in den dortigen Strafregistern verewigt worden. Wolf Wattsackherer beispielsweise erhielt 1598,1603 und 1606 Strafen wegenHolzdiebstahls, sein Verwandter Thmas Wadsackherer 1607 wegen Ungehorsams sowie 1622 wegenWilderns und im selben Jahr der Bierbrauer Manng Wattsacxkherer wegen der Weigerung, seinen Gerstensaft preiswert im Ort auszuschenken. Ueber die Jahrhunderte hinweg und trotz mehrerer Besitzerwechsel aber hat sich bis heute der Name jenes 1282 bei Weilheim veraeusserten Gutshofes erhalten: Waitzacker. 

Der Ursprung der Weizsaeckers lag somit wahrscheinlich in Oberbayern, in dem reichen Landstrich zwischen Starnberger See, Staffelsee und Ammersee. Von hier aus breiteten sie sich ueber Mitteleuropa aus. In Lahnstein am Rhein, im Kurfuerstentum Trier, lebte schon 1282 en Henricus Waitsack. 1341 erwaehnten Baseler Urkunden Burchardus Watsack. Der Schuhmacher Hans Watsack gehoerte 200 Jahre spaeter in Zureich dem Grossen Rat, dem Kantonsparlament an. Und 1639 gab es in Wolfenbuettel einen Zinngiesser namens Heinrich Waetsack. 

Ein geschaeftstuechtiger Ritter 

Von ganz besonderem Belang fuer die Familiengeschichte der Weizsaeckers waren die Vorfahren, die sich im 13. Jahrhundert in der Grafschaft Zweibruecken ansiedelten. Zwischen Oberbayern und der Pfalz bestanden enge Beziehungen, seit beide Territorien im Jahr 1255 bei einer Teilung des Wittelsbacher Besitzes unter die Herrschaft des ehrgeizigen Grafen Ludwig II. Gekommen waren, der, mit der Kurwuerde ausgestattet, seine Habe beiderseits des Theins zu einem neuen politischen Kraftfeld ausbaute. Es ist deshalb durchaus wahrscheinlich, dass sich damals nicht wenige Bewohner des Voralpenlandes hoffnungsvoll gen Westen in das aufbluehende Gebiet ihres Regenten, aufmachten und dass sich darunter auch Angehoerige der Familie Watsacher aus Weilheim befanden. 

Jedenfalls wurde am 11. April 1294 in einer Urkunde des Grafen Walram I. Von Zweibruecken ein gewisser Peter Wazach als Ritter erwaehnt, der 46 Jahre danach unter dem Namen Peter Wadtsacker in Dokumenten des Zisterzienserklosters Woerschweiler, unweit des heutigen Homburg/Saar, auftauchte. Er war offenbar sehr geschaeftstuechtig und beguetert, erwarb nicht als graeflicher Vasall, sondern persoenlichin den Ortschaften Ober- und Niederbexbach grosse Grundstuecke sowie Privilegien und verteilte schliesslich sein Erbe, da er anscheinend kinderlos blieb, auf nicht weniger als 25 Angehoerige des pfaelzischen Kleinadels. Sie oder ihre Nachkommen uebereigneten dann diese Laendereien und Rechte dem Kloster. An jenen Peter Wadtsacker aus Zweibruecken erinnern noch heute die Flurnamen Wadsackers Wiese sowie Im Wadsacker Woog bei Homburg und -die einstige Woogsacker Muehle in der Gemarkung Niederbexbach, die urspruenglich, der pfaelzischen Mundart gemaess, *Woodsacker Miehl* hiess, bis der Name 1843 von Amts wegen auf einer Flurkarte irrtuemlich *berichtigt* wurde. Mit dem reichen Ritter begannen, zumindest in einer Seitenlinie, die Vorfahren der Familie Weizsaecker, die etwas mit *Weizen und Sack*, mit dem Muellerhandwerk, zu tun hatten. 

Wer die *Woodsacker Miehl* erbaut hat, ob Peter Wadtsacker selbst, einer seiner Erben oder die Abtei Woerschweiler, ist unbekannt. Dass sie auf dem Grund und Boden des Ritters errrichtet wurde, steht dagegen fest. Seit 1526 gehoerte sie unmittelbar dem Moenchsstift. Im Zuge der Reformation schloss jedoch Herzog Wolfgang von Pfalz-Zweibruecken das Kloster und eignete sich u.a. auch die idyllisch gelegene Wassermuehle in Niederbexbach an. Als Paechter folgte hier um 1610 ein Hans Wazacker seinem Schiegervater Thomas Martin Hansen als Mueller. Der neue Besitzer war zwar kein direkter Nachfahr jenes wohlhabenden Ritters, dem 300 Jahre zuvor das Muehlengrundstueck in Niederbexbach gehoert hatte -der war ja kinderlos verstorben. Zweifellos muessen aber die beiden zu derselben Sippe gerechnet werden. Der Mueller Hans Wazacker starb waehrend des Dreissigjaehrigen Krieges, wodurch seine Kinder, wie die Tochter Elisabeth schrieb, *ins Elend undt in die Frembte gerathen, worinnen wir uns auch verschiedene viel Jahre ufgehalten*. Als sie schliesslich heimkehrten, war die Woodsacker Muehle, wie das benachbarte Dorf und Schloss Hansweiler, eingeaeschert. Ein Versuch der Wazacker Nachkommen, das Gewerbe des Vaters wieder aufzunehmen, scheiterte 1664, zumal sich auch der zwoelf Hektar grosse Muehlenweiler als Wasserspeicher in verrottetem Zustand befand. Damit endete die Rolle der Weizsaecker-Vorfahren in Niederbexbach. Erst 26 Jahre spaeeter baute ein fremder Mueller namens Nickel Lock den Betrieb wieder auf, der dann unter verschiedenen Eigentuemern bis 1941, bis zur Umwandlung in einen Bauernhof, bestand. 

Ein aehnliches Schicksal erlitt waehrend des Dreissigjaehrigen Krieges im Herzogtum Pfalz- Zweibruecken auch eine andere Familie, die nur 10 Kilometer weit von der Woodsacker Muehle entfernt in Waldmohr am Glan lebte und ebenfalls Wazacker, Wadsacker oder Waadsecher hiess. Ihre Angehoerigen sind direkte Vorfahren der heutigen Wei(t)zaeckers. Aus Kleeburg im Niederelsass, einer Exklave des Herzogtums Pfalz-Zweibruecken suedwestlich von Weissenburg, war vor 1610 Friedrich Wadsacker, der Sohn eines gleichnamigen Muellers und dessen Ehefrau Aurelia, nach Waldmohr zugewandert. Frankreich hatte naemlich im Erbolgestreit um die niederrheinischen Herzogtuemer Juelich und Kleve zum grossen Krieg geruestet, wodurch deutsche Aussenposten wie Kleeburg gefaehrdet worden waren. In Waldmohr andererseits hatten damals ein Stiefonkel des Friedrich Wadsacker als Seelsorger und ein anderer als Schulmeister gelebt; ausserdem war hier offenbar die Muellerstelle frei gewesen. So fiel es dem Neuankoemmling wohl nicht schwer, in dieser Gemeinde das Buergerrecht zu erwerben und die Muehle zu uebernehmen. Im uebrigen heiratete er bald die Pfarrerstochter Maria Brinkmann. Zweifellos gehoerte er nach allem zu den einflussreichen Einwohnern von Waldmohr. 

Auch diese Entwicklung endete im Dreissigjaehrigen Krieg. Friedrich Wadsacker starb 1645, und seine Witwe sowie vier der Kinder verliessen sofort die verwuestete Pfalz, als 1648 endlich wieder Friede herrschte. Hans,, der juengere, 1617 geborene Sohn, siedelte sich mit der Mutter und zwei Schwestern in Loewenstein bei Heilbronn an, sein fuenf Jahre aelterer Bruder Niclaus zog noch 20 km weiter nach Osten - ins Hohenloher Land, eine halbe Stunde von Neuenstein entfernt auf die Ziegelmuehle, die auch den Namen Berndts- oder Bernhardsmuehle trug. Hier wurde er zum Stammvater aller zwoelf Zweige, die heute die Familie Wei(t)zsaecker bilden. 

Neuenstein war in der Heimat des Niclaus Wadsacker vermutlich bekannt gewesen. 1615 hatte Kraft Graf zu Hohenlohe-Neuenstein die Pfalzgraefin Sophia geheiratet, und auch in den unteren Bevoelkerungsschichten hatte es, wie alte Kirchenbuecher beweisen, enge persoenliche Beziehungen zwischen den beiden Regionen gegeben. Allerdings war auch das Hohenloher Land seit 1618 mehrmals ausgepluendert und durch zwei Pestepidemien entvoelkert worden; in Neuenstein war andererseits schon 1609 die Fron fuehlbar erleichtert und zum Teil durch eine jaehrliche Geldgabe ersetzt worden. Ausserdem sah in diesem Gebiet an der Fernstrasse vom Rhein ueber Nuernberg zur Donau die Zukunft nach Ende des Krieges rosiger aus als in der entlegenen Pfalz.

Unter solchen Umstaenden verdingte sich der 36jaehrige Niclaus Waidsecker auf der Ziegelmuehle, ehelichte zwei Jahre spaeter, am 23. Oktober 1650, in der schlichten Neuensteiner Stadtkirche die 20jaehrige Elisabeth Firnssler, die Tochter seines Arbeitgebers, und liess sich 1660 die Haelfte der Muehle sowie den dazugehoerigen Boden im Wert von 752 Gulden und 30 Kreuzern ueberschreiben (das Jahresgehalt eines Pfarrers betrug damals 100 Gulden). Fuer das Erblehen hatte er pro Jahr einen Goldgulden in bar, ein Huhn zur Fastnacht und zwei im Herbst sowie anderhalb Pfund Wachs als Zins an seinen Landesherrn, den Grafen Wolfgang Julius von Hohenlohe-Neuenstein, zu entrichten. In den zahlreichen Rechtsangelegenheiten, die mit der grossen angeheirateten Familie Firnssler zu klaeren waren, tauchte sein Name als Niclaus oder Niclas Waadsecher, Waidsacher oder Weidtseckher auf, waehrend seine Schwaeger auch Fuernssler oder Foernssler genannt wurden. Die Ziegelmuehle florierte, und um sie herum entstand ein Weiler. Da starb am 23. April 1673 der erfolgreiche Niclaus Waidsecker im Alter von 61 Jahren. Die Muehle fuehrte sein gerade 21jaehriger Sohn Hans Kraft weiter, waehrend die Witwe sich nach einiger Zeit in der Gegend von Bartenstein erneut vermaehlte - wieder mit einem Mueller. Den Stammbaum zu den heutigen Weizsaeckers aber setzte in direkter Linie der juengere Sohn Johann Heinrich fort. 

Auf und Ab eines Muellergeschlechts

Das Dorf Eckartsweiler liegt knapp 3 km westlich von Neuenstein zwischen der Hohenloher Ebene und dem klimatisch milderen Gebiet um Oehringen inmitten fruchtbarer Fluren. Waehrend des Dreissigjaehrigen Krieges veroedet, gab es hier 1673 bereits wieder zwoelf Wohnhaeuser, in denen etwa 110 Menschen lebten. Die Muehle des Ortes, die dem Grafenvon Hohenlohe- Neuenstein gehoerte, war aber noch eine ausgebrannte Ruine. Das Erblehen, auch fuer zusaetzlichen Grund und Boden, hatte allerdings Niclaus Waidsecker einige Monate vor seinem Tod erworben. So ueberrascht es kaum, dass auf der Ziegelmuehle sein aeltester Sohn Hans Kraft die Bauerntochter Veronica Halbisch aus Eckartsweiler zur Frau nahm und dass sein anderer Sohn Johann Heinrich im Fruehling 1680 begann, die eingeaescherte Muehle in Eckartsweiler und damit fuer sich selbst eine Existenz aufzubauen. Im folgenden Februar heiratete er in der Neuensteiner Stadtkirche die 23jaehrige Anna Magdalena Roth aus Belzhag. 

Indes, die Zeiten waren unruhig. Im November 1688 brandschatzten franzoesische Truppen das Land, und die anschliessende Befreiung durch kaiserliche Kroaten verursachte nicht minderen Schrecken; 1692 fielen erneut die Franzosen ein, und im Juni 1707 schaedigte ein Reichsheer die Region. Wirtschaftliche Rueckschlaege waren die Folgen. Johann Heinrich Weitzaecker konnte deshalb den Wiederaufbau der Eckartsweiler Muehle wahrend seiner Zeit als Mueller nich vollenden. Das schaffte erst 1727 sein zweiter Sohn Wolfgang Friedrich, wie Inschriften im dortigen Wohnhaus beweisen. Zwei Jahre spaeter verschied der Vater, 75 Jahre alt, am Tag vor dem Heiligen Abend. 

Wolfgang Friedrich Weidsecker war damals bereits dabei, den Besitz durch Kaeufe von Aeckern und Wiesen zu mehren. Auch seine beiden Ehefrauen stammten aus angesehenen, wohlhabenden Familien. Am 21. April 1711 fuehrte er in der Stiftskirche zu Oehringen die 20 Jahre alte Margarethe Barbara Borth, die Tochter eines der bestsituierten Bauern von Eckartsweiler, zum Traualtar. Schon fuenfeinhalb Jahre spaeter schloss sie sie Augen fuer immer. Nach fuenf Monaten vermaehlte sich der Witwer mit der gerade 21jaehrigen Maria Katharina Schloesser, deren Vater in Pfedelbach suedlich von Oehringen, in der Residenz eines Nebenastes der Hohenlohe, Hofschuhmacher war. Aus dieser Ehe ging die juengere, die hohenlohische Linie der Familie Weizsaecker hervor. 1729 erblickte der Sohn Andreas Heinrich das Licht der Welt. Er erbte die Muehle, als sein Vater am 3. Oktober 1747 starb. Sein sieben Jahre juengerer Bruder Gottlieb Jacob aber trat als Mundkoch in fuerstliche Dienste und eroeffnete den Weidseckers voellig neue Perspektiven. 

Doch wo war etwa 40 Jahre vorher der aeltere Bruder des tuechtigen Wolfgang Friedrich Weidsecker geblieben? 1683 geboren, hatte Johann Heinrich -er fuehrte die gleichen Vornamen wie sein Vater- daheim das Muellerhandwerk erlernt und war dann in Richtung Suedwesten fortgezogen, vom fraenkischen Hohenlohe in das schwaebische Wuerttemberg, nach Unterweissach im Iberamt Backnang. Dort pachtete er die oertliche Muehle, hielt Hochzeit und begruendete die aeltere, wuerttembergische Linie der Weizsaeckers. Nach einem Leben mit mancherlei Erfolgen verstarb er im Alter von 75 Jahren. Seine Soehne aber wurden wie auch ihre beiden Vettern in Eckartsweiler zu den Urvaetern der zwoelf Zweige, in die sich heute die Stammtafel der Wei(t)zsaeckers gliedert. 

In saemtlichen Zweigen ist nach und nach ein Wechsel von dem urspruenglich fast stets ausgeuebten Muellerhandwerk zunaechst zu geistlichen oder paedagogischen Taetigkeiten und schliesslich zum Staatsdienst, zum wissenschaftlichen Arbeiten und zu den freien Berufen festzustellen. Um die letzte Jahrhundertwende brachten es beispielsweise ein Theodor Weizsaecker immerhim zum wuerttembergischen Postpraesidenten nebst Personaladel, dessen Sohn, ohne Adeldspraedikat, zum Badearzt in Wildbad im Schwarzwald, Wilhelm von Weizsaecker aus Ellwangen, um 1864 ein begeisterter Fuersprecher der deutschen Einheit, zum Landgerichtsrat in Oehringen und Heinrich Weizsaecker zum Professor fuer Kunstgeschichte in Stuttgart. 

Da gibt es einen Meimsheimer Zweig, zu dem der schon erwaehnte Arzt und Ahnenforscher, der jetzt letzte deutsche Mueller in der Familie sowie Verwandte in Buffalo/USA gehoeren. Dieser Teil der Sippe leitet sich ebenso von einem Johann Michael Weitzsaecker aus der wuerttembergischen Linie her wie der Heslach-Murrhardter, der Oberriexingen-Pforzheimer und der Turin-Bukarester Zweig. Sein Bruder Johann Christian wiederum etablierte den Brackenheimer Ast, aus dem sich im 19. Jahrhundert, auf der Suche nach dem grossen Glueck in der Ferne, ein Chicagoer sowie ein Prager Zweig abspalteten; zu letzterem zaehlte der 1886 geborene Professor Wilhelm Weizsaecker, der in den 20er und 30er Jahren in der tschechoslowakischen Hauptstadt Bergrecht lehrte. Von Johann Karl Friedrich Weizsecker, dem Enkel jenes Unterweissacher Muellers, gingen ein Teinacher und, durch Emigration um 1800, ein Elsaesser Zweig aus, dessen Angehoerige heute zum Teil auch in Suedfrankreich leben. In der hohenlohischen Linie aber gruendete Andreas Heinrich Weidsecker einst den Eckartsweiler Ast, waehrend mit seinem juengeren Bruder, dem Mundkoch, ein Bremer und der renommierte Oehringer Zweig begannen. 

Bezieht man in diesen Ueberblick noch die angeheirateten und die entfernteren Verwandten der Weizsaeckers aus den letzten dreieinhalb Jahrhunderten mit ein, so erscheint in dem erweiterten Stammbaum auch eine grosse Anzahl anderer beruhmter Namen. Maria Wadsacker, eine der beiden Schwestern, die 1648 mit dem juengeren Bruder Hans und der Mutter aus der Pfalz in die Gegend von Heilbronn ausgewandert waren, vermaehlte sich dort mit Georg Foell, dem Richter des Amtes Kleinaspach. Das Paar hatte 12 Kinder. Zu seinen spaeteren Nachkommen gehoeren der deutsche Theologe und Widerstandskaempfer gegen Hitler Dietrich Bonhoeffer mit seiner Familie, der Schweizer Schriftsteller Max Frisch und der ungarische Komponist Ernst von Dohnanyi nebst seinen Enkeln, dem sozieldemokratischen Politiker sowie dem Dirigenten. 

Die Nachfahren des Niclaus Waidsecker von der Ziegelmuehle in Neuenstein andererseits sind genealogisch um etliche Ecken herum mit dem romantischen Dichter Justinus Kerner verbunden, dessen Freund Ludwig Uhland sie durch eine Ahnengemeinschaft aus dem fruehen 17. Jahrhundert ebenso zu ihren entfernten Verwandten zaehlen duerfen wie den Theologen Eduard Zeller oder die gemuetvolle Erzaehlerin Ottilie Wildermuth. Ueberhaupt reichen mehrere Nebenwurzeln der Familie tief in die schwaebische *Ehrbarkeit*, in das staedtische Patriziat, das vor etwa 450 Jahren die politisch entscheidende Schicht des Landes bildete. Zur angeheirateten Verwandschaft der Weizsaeckers rechnet ferner seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Familie Weckherlin, aus der 27 Jahre vorher ein koeniglich-wuerttembergischer Finanzminister hervorgegangen war. Durch dieselbe Hochzeit entstand in der Ahnentafel auch eine weitlaeufige Verzweigung zu dem damals schon versotrbenen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel, dem weltberuehmten Begruender des dialektischen Systems. 

Naehere Verwandte der Weizsaeckers sind dagegen seit 1875 die Traeger des in Schwaben wohlbekannten Namens Bilfinger, unter deren Vorfahren sich neben Offizieren und Kaufleuten vor allem Theologen befinden sowie auch der Philosoph und Mathematiker Georg Bernhard Bilfinger, den Zar Peter der Grosse 1724 an die Sankt Petersburger Akademie berief. Eine ebenso dichte genealogische Beziehung besteht zur Tuebinger Aerzte- und Juristenfamilie Bruns, die ihrerseits mit Nachfahren des hochangesehenen, 1929 gestorbenen Generaldirektors der staatlichen Kunstsammlung in Berlin, Wilhelm von Bode, verschwaegert ist. Nicht weniger eng ist die Verbindung zwischen den Weizsaeckers und dem wuerttembergischen Zweig des uradeligen Geschlechtes Graevenitz; der Bildhauer und Maler Fritz von Graevenitz war muetterlicherseits ein Onkel des Carl Friedrich und Richard von Weizsaeckers. Verwandschaftliche Faeden sind ausserdem seit 1919 zu der Gelehrtensippe Holthusen vorhanden, in die eine Tochter des schon erwaehnten Kunsthistorikers Heinrich Weizsaecker einheiratete. Aus Ehen, die in den sechziger Jahren dieses Jahrhunderts geschlossen wurden, ergaben sich Familienbande zu den Nachkommen des bedeutenden deutschen Juristen Ludiwg Raiser und des Physik- Nobelpreistraegers Werner Heisenberg. 

Was ist aber aus den Muehlen bei Neuenstein und in Eckartsweiler geworden? Hans Kraft Weitsecker und seine Ehefrau Veronica hatten im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts drei Soehne und drei Toechter. Die Nachkommen hielten ihren Anteil an der Ziegelmuehle und konnten den Landbesitz sogar verdoppeln. Die Habschaft des Muellers Friedrich Gottfried Weidsaecker hatte laut amtlicher Schaetzung im Jahre 1805 einen Wert von insgesamt 1076 Gulden -eine beachtliche Summe. 30 Jahre darauf uebernahm jedoch der Mueller Georg Michael Eslinger diesen Teil der Ziegel- oder Bernhardsmuehle, als *Ehenachfolger* des verstorbenen Johann Michael Jacob Weidsaecker, wie alte Akten besagen. 1838 wurde das Anwesen nach einem Brand neu aufgebaut. 18 Jahre spaeter verkaufte jedoch Mueller Esslinger den gesamten Besitz an seinen Kollegen Peter Hettenbach, dessen Ururenkel den Mahlbetrieb 1959 einstellte. An die Weizsaeckers erinnert in der heutigen *Bernhardsmuehle*, einem Bauernhof, nur noch in der Scheine ein Sandstein aus einem frueheren Ofen mit eingemeisseltem Muehlrad samt Krone. 

Auf der Muehle in Eckartsweiler, deren Wert einschliesslich Aeckern und Wiesen auf knapp 350 Gulden taxiert wurde, konnte sich zumindest der Erbe des 1795 verstorbenen Andreas Heinrich Weidsecker, trotz der turbulenten Napoleonischen Aera, noch achtbar behaupten; er war sogar Schultheiss des Ortes. Anno 1839 kam es jedoch zu einer Kette von Schicksalsschlaegen, die der 34jaehrige Sohn Christian Friedrich nicht mehr meistern konnte. Gleich am zweiten Tag jenes Jahres wurde sein 21 Monate juengerer lediger Bruder Johann Christian Heinrich, von Beruf ebenfalls Mueller, bei einem Streit in der Brauerei des Nachbarortes Cappel erschlagen. Bald darauf starb der Vater Johann Friedrich Weizsaeker und wenig spaeter auch die Mutter. Da fuer jeden einzelnen Nachlass eine betraechtliche Abgabe an den Landesherrn entrichtet werden musste, bei der Muellerfamlie in Eckartsweiler aber die Erbfaelle sehr rasch aufeinander gefolgt waren, hatte der ueberlebende Sohn auch die noch nicht beglichenen Verbindlichkeiten der verstorbenen Vorerben zu tilden, was ihn in grosse finanzielle Schwierigkeiten brachte. Und das um so mehr, als er auch noch fast 250 Gulden *Concessionsgeld und Gefaellschuldigkeit* aus frueher getaetigten Grundstuecksverkaeufen und einen jaehrlichen Anteil zur Abgeltung aller Fronleistungen zu begleichen hatte. 

Da Christian Friedrich Weizsaecker die Zahlung jener Abgaben verweigerte und auch eine gerichtliche Klaerung seiner Verpflichtungen drang, begann ein Kleinkrieg mit den Behoerden, der damit endete, dass der Mueller Konkurs anmelden musste. Die Muehle in Eckartsweiler erstand 1843 ein gewisser Michael Miller aus Untersoellbach, der sie 1854 seinem Schwiegersohn Christian Pfisterer ueberliess. Heute dient sie als Wohnhaus. Inschriften aus dem 18. Jahrhundert, ein Wappen, der Muehlstein und alte Geraete haben die einstige Bestimmung des Gebaeudes ueberdauert. Und auch diejenigen Weizsaeckers, die hier mehr als 160 Jahre lang gearbeitet haben. 

Im Bannkreis der staatlichen Macht 

Fuer die Entwicklung des prominenten Oehringer Zweiges der Familie hatte das Muellergewerbe allerdings schon um 1770 keine Rolle mehr gespielt. Denn gleich der Begruender dieses Zweiges, Gottlieb Jacob Weidsaecker, war ja in den illustren Bannkreis der Staatsmacht getreten, als Mundkoch des Fuersten Ludwig Friedrich Carl zu Hohenlohe-Oehringen. Einer der vornehmsten deutschen Dynastien entstammend, hielt dieser Landesherr in Oehringen so praechtig Hof, dass darueber selbst der anspruchsvolle Herzog Karl Eugen von Wuerttemberg staunte. Allein fuer das leibliche Wohl sorgten je ein Haushofmeister, Furier, Mundkoch und Reisekoch, Konditor, Kuefner und Tafeldecker sowie zwei Gehilfen. Fuer diesen Regenten also war der Mundkoch Gottlieb Jacob Weidsaecker taetig. Seine Chancen hat er dabei fuer sich und seine Kinder zielstrebig und erfolgreich genutzt. 

Am 15. Februar 1736 in der Muehle von Eckartsweiler zur Welt gekommen, hatte er nach der Schulzeit zwar zunaechst bei seinem Vater das Muellerhandwerk gelernt. Doch dann war er in dem nahegelegenen Oehringer Schloss vom Kuechenchef Georg Ludwig Scheuermann ausgebildet und wohl auch protegiert worden. Jedenfalls trat er mit 32 Jahren dessen Nachfolge als Mundkoch an. Wenige Monate spaeter heiratete er in der Oehringer Stiftskirche die 29jaehrige Elisabetha Christina Margaretha Scheuermann, die Tochter seines Lehrherrn und Vorgaengers in der Schlosskueche. Die beiden hatten 4 Kinder, von denen nur der 1774 geborene Stammhalter Carl Friedrich Gottlob ueberlebte. Er stieg in Oehringen zum Buergermeister und Polizeikommissarius, spaeter zum Stadtschultheiss auf, seine Frau kam immerhin aus dere Familie des Geheimen Rates Johann Jakob Bratz aus Schwaebisch Hall, und sein Sohn Julius August Franz erwarb im Fruehjahr 1846 mit 28 Jahren die Apotheke in Kochendorf, noerdlich von Heilbronn, fuer 6000 (nun abgewertete) Gulden. Das buergerliche Familienwappen des Oehringer Zweiges der Weizsaeckers mit drei goldenen Weizenaehren in blauem Schild auf gruenem Boden geht auf den Beamten an der Spitze der hohenlohischen Residenzstadt zurueck. 

-Ganz gewiss deutliche Symptome des gesellschaftlichen Aufstiegs. Doch zurueck zu dem Mundkoch und seiner Frau, die in sehr ertraeglichen Verhaeltnissen lebten. Gottlieb Jacob Weidsaecker bekam jaehrlich 60 Goldgulden in bar sowie als Deputat acht Malter (etwa 2 Tonnen) Korn, sechs Malter Dinkel, vor allem fuer die Zubereitung von Spaetzle, ein Simri (fast 70 kg ) Salz, 15 Fass Wein, acht Klafter (rund 26 Raummeter) Brennholz und 100 Buendel Reisig. Im Sommer 1776 bewarb er sich in Oehringen um das Buergerrecht, da er fest damit rechnete, dass ihm dort sein Schwiegervater ein Haus ueberlassen oder vererben werde. Zwei Jahre spaeter hatte er mit seinem Gesuch Erfolg. Doch Anfang 1779 starb seine Frau. Dadurch zerschlugen sich offenbar die Hoffnungen auf ein Haus. 

Vier Jahre lang blieb der Mundkoch verwitwet. Dann vermaehlte er sich am 18. August 1783 mit der 25jaehrigen Dorothea Carolina Greiss, der Tochter des Pfarrers von Buchenbach an der Jagst, im Norden des Hohenloher Landes. Aus Weidsaeckers zweiter Ehe gingen 5 Kinder hervor, von denen drei ueberlebten. Im Dasein des fuerstlichen Mundkochs verliefen die letzten Jahre allerdings wenig friedlich. Seine zweite Ehe war nicht harmonisch, sondern nach der spaeteren Bekundung seiner Frau *bekanntlich uneinig*. Carolina Weidsaecker warf ihrem Mann *Abneigung zu einem ordentlichen und eingezogenen Leben und sparsamer Haushaltung* vor, ihre Mitgift von 330 Gulden sei deshalb aufgezehrt worden. Aber auch Auslaeufer der Franzoesischen Revolution sorgten fuer Unruhe. Das an Erfolgen und Aufregungen reiche Leben des fuerstlichen Mundkochs Gottlieb Jacob Weizsaecker endete am 25. Oktober 1798 in Oheringen.

Seine zweite Frau ueberlebte ihn um mindestens 18 Jahre und zog sich in dieser Zeit als *verarmte Witwe* noch das Missfallen ihres Landesherrn zu. Nachdem sie zwei Jahre lang in zahlreichen Eingaben um Geld fuer die Rueckkehr zu ihrer Verwandschaft nach Buchenbach oder zur Bezahlung von Mietschulden gebeten hatte, verfuegte Fuerst Ludwig Friedrich Carl im Februar 1801: *Unter der ausdruecklichen Bedingniss, dass die unertraegliche Supplicantin einmahl von hier wegkomt und sich hiernimmer sehen laesst, kann ihr das verlangte ausgezahlet werden.* Fuer ihren *fleissigen Sohn* sei aber weiterhin zu sorgen. 

Damit meinte der Regent den damals 16jaehrigen Christian Ludwig Friedrich Weizsaecker, der das Gymnasium in Oehringen als Primus absolvierte. Der Schueler schrieb seinen Namen stets in dieser Form, und die wurde von da an im Oehringer Zweig und darueber hinaus beibehalten. Anfang Mai 1803 immatrikulierte sich Weizsaecker auf Kosten des Fuersten als Theologiestudent an der Universitaet Goettingen und hoerte bei dem Kirchenhistoriker Gottlieb Jacob Planck, dem Bibelkritiker Johann Gottfried Eichhorn und dem Moraltheologen Karl Friedrich Staeudlin Vorlesungen, bei drei Professoren, die aus seiner weiteren Heimat stammten. Ueberhaupt herrschte damals in Goettingen eine regelrechte Schwemme von Gelehrten und Studenten aus Schwaben und Franken. Kein Wunder, denn die politische Zukunft wurde gerade in den sueddeutschen Kleinstaaten nach der territorialen Neuordnung durch den Reichsdeputationshauptschluss und im Schatten Napoleons immer ungewisser. Am 30. Dezember 1805 nahm Kurfuerst Friedrich von Wuerttemberg mit franzoesischer Hilfe die Koenigswuerde an und okkupierte, unter Ausschaltung der bisherigen Regenten, die Hohenloher Gebiete. Von seinem LandsmannAugust Ludwig von Schloezer, dem Erforscher der altrussischen Geschichte, unterstuetzt, wartete Christian Weizsaecker nach dem Examen in Goettingen das weitere Schicksal seiner Heimat ab, gab am Gymnasium Unterricht in alten Sprachen und bewarb sich erst am 30. Mai 1807 um eien Posten *im vaterlaendischen Dienst*, um *nicht ganz unnuetz und unbrauchbar zu seyn.* 

Schon einen Monat spaeter wurde er von der fuerstlichen Justizkanzlei in Oehringen -aufgrund einer der letzten Befugnisse derer von Hohenlohe- zum Kaplan, zum dritten Geistlichen in Ingelfingen ernannt, rueckte aber Ende Februar 1808, noch vor Dienstantritt, infolge des ploetzlichen Todes seines dortigen Vorgesetzten in die Position des zweiten Seelsorgers, des Diakons, auf. In Ingelfingen blieb Weizsaecker 5 Jahre, hielt genau nach Plan Predigten, Katechismusunterweisungen und Betstunden, verlas regelmaessig die Epistel und lehrte waehrend der Woche in der oertlichen Lateinschule. Anfang Maerz 1813, waehrend sich anderwaerts die Befreiungskriege gegen Napoleon I. ankuendigten, bewarb er sich mit Erfolg nach Oehringen. Hier musste Christian Weizsaecker, fuer etwas mehr Geld, dieselben Pflichten wie in Ingelfingen erfuellen, fand aber noch Zeit, eine revidierte Neuausgabe des "Hohenlohischen Gesangbuches* zu schaffen -eine Arbeit, die die vom aufklaererischen Spekulieren bedrohte Einheit der Kirchenliturgie absichern sollte. Im uebrigen verliebte er sich damals in Sophie Roessle, die Tochter eines fuerstlich-hohenlohischen Hofrats, und heiratete die 20jaehrige am 19. November 1816 in der Stiftskirche Sankt Peter und Paul. Eine glaenzende Partie. Denn durch sie erhielt der Geistliche nicht nur eine liebevolle, sondern auch energische Frau. Christian Weizsaecker wurde ausserdem mit massgebenden Beamten in Oehringen und durch seine Schwiegermutter, mit Adligen verwandt, mit dem angesehenen Geschlecht Olnhausen etwa, das mehreren Dynastien Offiziere und Kammerherren, Prinzenerzieher und Leibaerzte gestellt hatte. Anfangf Maerz 1820 kam der Stammhalter zur Welt und erhielt den Rufnamen Hugo. Ihm folgten 1822 und 1828 zwei Brueder, Carl und Julius, von denen in den folgenden Kapiteln die Rede ist. 

In Oehringen gab es seinerzeit in der protestantischen Kirche drei Spitzenpositionen: den Dekan, den Stadtpfarrer und den schlechter besoldeten Stiftsprediger, der jedoch seit dem Mittelalter geistlicher Beistand des Fuersten und somit dem Hofe nahe war. Letzteres Amt wurde Christian Weizsaecker Im Mai 1829 uebertragen, nachdem der Vorgaenger Karl Friedrich Eichhorn, ein Bruder des Goettinger Professors, gestorben war und Stadtpfarrer Karl Friedrich Dietzsch aus gesundheitlichen wie finanziellen Gruenden verzichtet hatte. In der neuen Stellung zeigte sich, dass Weizsaecker *eine kritische Ader* besass. Er machte sich als Theologe seine eigenen Gedanken. Mehr und mehr wurde jedoch gleichzeitig klar, dass er an schwerer Tuberkulose litt. Die schlechte Gesundheit war vermutlich ein Erbteil seiner Mutter, die sofort nach ihrer Geburt die Nottaufe erhalten hatte -wegen bedrohlicher Schwaeche. Schon bald nach seiner Ernennung musste der kraenkelnde Weizsaecker, ueberwiegend auf eigene Kosten, einen Vikar zu seiner Entlastung einstellen, obwohl er das Gehalt als Stiftprediger erst ab 7. Oktober 1829 bekam. Stadtpfarrer Dietzsch, der inzwischen auch Dekan war, leistete ebenfalls *viele amtliche Aushuelfen, die (ihm) bisweilen sauer wurden*. Doch seinem Kollegen konnte nicht mehr geholfen werden. Am 21. Januar 1831 starb Christian Ludwig Friedrich Weizsaecker nach einem 36 Stunden langen Todeskampf im Alter von 46 Jahren. Karl Friedrich Dietzsch, als Dekan inzwischen gut gestellt, wurde nun auch zusaetzlich Stiftsprediger und sein Sohn Diakonatsverweser. 

Sophie Weizsaecker aber, die 34jaehrige Witwe, nahm fuer ihre drei Soehne den Kampf gegen das Schicksal und gegen den sozialen Abstieg auf.